456 Einzelne Dichter
Wenn Wolkenstein auch unter den Dichtern der gesunkenen Zeit als starkeKraft hervorragt, so zeigt sich eben doch die Unfähigkeit eben dieser Zeit,einem Gegenstand einen reinen, in sich selbst ruhenden poetischen Ausdruckzu verleihen, auch bei ihm und gerade recht bei ihm. 1
Hermann von Sachsenheim
Soweit die Standesbedingungen in Betracht kommen, schließt sich an diebeiden vorhergehenden „letzten Minnesinger" Hermann von Sachsenheiman, der sich hauptsächlich auf epischem Gebiete betätigte, doch aber in denritterlich-höfischen Stoffkreisen von Minne und Abenteuer sich bewegte. DerDichter, dem schwäbischen Geschlechte der Herren v. Sachsenheim (an derEnz) angehörig, auch in württembergischen Diensten als Rat stehend, ist, wiesein Geschlecht, öfter in Urkunden vertreten und lebte von 1365 bis 1458. SeineGedichte verfaßte er in höherem Alter, die Mörin mit 90 Jahren (s. Gold.Tempel V. 1228). [Seinen Namen nennt er nur im Gold. Tempel V. 1239, fernersteht er in der Überschrift der Grasmetze und in der Überschrift der Mörinim Straßburger Druck.] 2
Sein Hauptwerk und das bedeutend umfangreichste seiner Werke (6081 V.)ist Die Mörin, 3 ein Prozeßepos, verfaßt im Jahre 1453 (V. 6042 ff., s. auchV.5452) für den Pfalzgrafen (Friedrich den Siegreichen) und dessen Schwe-ster Mechtilt, die mit Graf Ludwig von Württemberg (f 1450), dann mitErzherzog Albrecht VI. von Österreich (f 1463) verheiratet war. 4 Inhalt:An einem Sommertag im Wald spazierengehend trifft der Dichter auf ein
1 Ein dürftiger Minnesinger mit dem über- an Homeyer 1871; Hans Hofmann, Ein Nach-kommenen minneglichen Apparat ist der ahmer Hermanns v. Sachs., Marburg. Diss.Graf Heinrich von Wirtenberg, der 1893, dazu Wunderlich, Lbl. 1895, 78f.;schon dem Ende der Periode angehört (1448 Strauch, Pfalzgräfin Mechthild S. 7. 13;-1519). Als getrüiver dienet trägt er sein Leid Priebsch, Dt. Hss. in England II Reg. S. 345f.verborgen und leidet als armer undertän große Matthaei, Das weltliche Klösterlein, 1907,Pein durch dm vil schickerlich person. 4Lieder. pass.; Burdach, Vorspiel I, 2, 83; W. Rehm,Ausg. W. Holland u. A. Keller, Lieder ZfdPh. 52,289-330 pass.; F. W. Strothmann,Heinrichs Grafen von Wirtenberg, 1849. Die Gerichtsverhandlung als literar. Motiv
2 Spiegel und Schleiertüchlein sind als seine des ausgehenden MA.s, 1930, 21 ff. (Zusam-Arbeiten nachgewiesen durch Übereinstim- menhang mit den „Liebeshöfen" S. 25-27);mung von einzelnen Stellen, Goedeke, Germ. Schröder, Gott. Nachr. 1931, 196-209. —1, 361 f.; Jesus der Arzt steht in der Londoner Die einzelnen Gedichte u. ihre Hss.: Goedeke,Hs. mit anderen Gedichten Sachsenheims zu- Grundr. I 2 , 292-94; Martin, Ausg. der Mörinsammen '(Priebsch, Dt. Hss. in England II S. 2-10. — Stellen zur Mörin: Goedeke,S. 99), und zwar nur in dieser, auch spricht Germ. 1, 361 f.; Bech, ebda 28, 388; Uhl,nichts gegen seine Autorschaft. ZfdA. 36, 368; Ehrismann, Beitr. 20, 78f.;
3 Ausg.: Ernst Martin, Lit. Ver. 137, 1878 Ernst Ochs, GRM. 11, 185, s. auch ebda 12,(Mörin, Der goldene Tempel, Jesus der Arzt; 123-25. 190. — Hss. der Mörin: 6; u. 5 altedie Ausgaben der andern Werke Sachsen- Drucke bis 1560, von denen der älteste 1512heims s. jeweils unter diesen). — Abhandl. im Titel und in der ersten Kapitelüberschriftzu Sachsenh. im allgem. und zur Mörin: den Namen des Dichters „Herr Herman vonUhlands Schriften 2,219-55; Roethe, ADB. Sachsenheim Ritter" enthält. — Uberliefe-30, 146-52; Martin, Ausg. Einl. S. 1-45; rung: Martin, Ausg. S. 2-10; Priebsch, Dt.Haltaus, Hätzlerin S. XI u. pass.; Geuther, Hss. in England II S. 99.
Stud. z. Klara Hätzl. pass.; Goedeke, Germ. 4 Über das Leben H.s v. Sachsenheim: Mar-
1, 361 f.; Scherer, Anfänge d. dt. Prosa- tin, Zs. d. hist. Ver. zu Freiburg i. Br. 2, 1871,
romans, QF. 21, 1871, Reg. S. 102; Hugo 147-272 u. Ausg. S. 10-14; s. auch Wolkan,
Loersch, Der Prozeß in d. Mörin, Festgruß Beitr. 39, 526