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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Oswald von Wolkenstein 455

Alterswerk ist, so gehört es auch diesem Gedankenkreise an, in dem ihn imwesentlichen das Heil der Seele beschäftigt und damit die Sünde und die Tor-heit der Welt (die Weisen und die Toren), wie denn gerade das folgende Gedicht(Nr. 122) die Welttoren aufmarschieren läßt. So hat dieser eigenwillige, un-bändige Mann im Alter einen Ruhepunkt gefunden in dem Gedanken an dieEwigkeit.

Sondergeartet und unstet wie der Mensch ist seine Sprache; 1 sein Stil istdie Physiognomie seines Geistes. Er geht sehr willkürlich mit der Sprache um.Der Wortschatz kennzeichnet den vielgereisten Weltwanderer, mit Stolz rühmter sich der Kenntnis von zehn Sprachen; einem Liebeslied (Nr. 77) gibt er dieÜbersetzung in Französisch, Lateinisch, Ungarisch, Windisch, Flämisch, Welschbei (anderes s. auch noch besonders in Nr. 17), zwei Gedichte hat er flämischgesetzt (Nr. 25. 26 2 ), und köstlich ist es, wenn er in dem Mailied Nr. 45 dieVoglin singen läßt: cu cu cu cu cu cu spricht der gauch (Kuckuck), zeisel, mais,lerch singen oci oci.. .. fl. fldeli fldeli fl o ciereri ci... . usw. Unstet wie derMensch in seinen stürmischen Mannesjahren ist auch der Bau seiner Sätze,sie sind zerhackt, herausgestoßen, zersplittert, oft bloße Aufzählungen, asyn-detische Reihen und unverständliche Wortschwelgerei, z. B. in dem Tagelied(Nr. 12): Lunzlocht, munzlocht, klunzlocht und zisplocht, wisplocht; zendlin(Zähnlein) . . . trielisch, mielisch, vöslocht, röslocht. Oder in dem Mailied Nr. 36:Zissli müssli flssli füssli Henne klüssli kumpt ins hüssli Werffen ain tüssli susasüssli, Niena grüssli well wir sicher han usw. usw. Der Dichter besitzt vielHumor, und so hat möglicherweise auch solches Gesprudel einen humoristischgewollten Zug. Vor allem aber kann der Satzbau nur im Zusammenhang mitseinem Versbau verstanden werden, der sehr abwechslungsreich ist und oftin kurzen Versen und Schlagreimen sich bewegt und abhängig ist von dermusikalischen Begleitung und den Melodien, die er meistens selbst ge-macht hat.

Oswald v. Wolkenstein besitzt unter den Dichtern seiner Zeit, des 14. und15. Jahrhunderts, die stärkste Eigenart. Unter den früheren Sängern läßt erwegen seines Herrenbewußtseins sich am ehesten zu Neidhart stellen und alsDarsteller des eigenen, abenteuerlichen Lebens zu Ulrich von Lichtenstein; mitdem Tannhäuser verbindet ihn seine Wanderlust und sein Hang zu fremdenWörtern. ' *

1 Sprache: Jos. Schatz, Sprache u. Wort- 1896 S. 143; Johannes Beyrich, Unter-schatz der Gedichte O. v. Wölk., Ak. d. Wiss. suchung über den Stil O.s v. Wölk., Leipz.in Wien, philos. hist. Kl. Denkschriften 69.Bd. Diss. 1910; Ferd. Mohr, Das unhöf. Element2.Abhandl., 1930, dazu Schröder, Anz.49, aaO. S. 102ff.; Wilh. Türler, Stilist. Studien179-81; Piquet, Rev. germ. 22, 1931, 67f.; zu 0. v. Wölk, nebst einem Anhang: Krit.Friedr. Maurer, Beitr. z. Sprache O.s v. Bemerkungen zu der Textausgabe von J.Wölk., Gießener Beitr. z. dt. Philol. III, Schatz, Berner Diss., Heidelberg 1920; Ma-1922. A. M. Motz, Über d. ungarischen rold aaO. S.34^6. Zum Versbau s. auchSprachbrocken bei O. v. W., Zs. Magyar Schatz aaO. Musik: Rottauscher aaO.Nyelv 9, 1913, 424 (ungarisch); Leo Spitzer, (Allgemeines über Minnesang, Abteil. Musik);Romanisches bei O. v. W., Neuphilol. Mitteil. J. Wolf, Gesch. der Mensuralnotation von21, 1920, 72-77. 135. Stil: Mayer und 1250-1460 Bd. II, 139 f. Bd. III, 184 ff.;Rietsch, Die Mondsee-Wiener Liederhs. II, s. Castle aaO.