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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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454 Einzelne Dichter

In seinen Liedern wirkt die Tradition des Minnesangs nach, so auch in derTerminologie: dienen, erhören, gnad, trost, kumer, staete minne, minneklichesweib, höchster hört, seneliches scheiden, maie, voglin, roter munt, öfter mündlinrot. Aber der volksmäßige Ton änderte die innere Form und färbte sie um indas Kolorit der Zeit, z.B. das Zwiegespräch Nr. 38:0 herzenlieber Nickelmein, Vergiß mein nicht aujf alle treu! . . . Ach Nickel, Nickel, trauter schönerKleusli, hals mich, küß mich." Oder in dem Margaretenlied Nr. 76:Gedenk,liebs Öselein (Verkleinerung von Oswald), an mich, dein Gredlin sol erfreuendich." Neben dem starken Hervortreten des Volkstons macht sich im Gegensatzdazu, aber ganz im Geiste der Gesellschaft des 14. 15. Jahrhunderts, eingelehrter Aufputz geltend mit Erfahrungen und Wörtern, die er aus derErinnerung an seine weiten Reisen nimmt.

Seine Tagelieder sind von Wolfram beeinflußt (Nr. 6 ff., s. Roethe, Anz.16, 80; Theod. Kochs, D. dt. geistl. Tagelied 1928). Die an sich sinnlicheSituation wird bei Wolkenstein noch gröber und lüsterner beschrieben, über-haupt faßt er die Liebe rein sinnlich auf, wird oft derb und obszön. Das istnicht die ideale, den Mann veredelnde Huldigung des Minnesangs, es ist nurFleischeslust, nur solche kann der wilde Sinnenmensch verstehen. So ist einHauptmotiv seiner Liebeslieder die Beschreibung der äußeren Gestalt miteiner Reihenaufzählung der Körperteile, die manchmal zu viel enthüllt. 1 Ganzins grob Burleske fallen die Kneiplieder wie Nr. 41. 42. 43. 47, wobei auch dasBuhlen nicht fehlt: Der wirt ml uns nicht porgen, das ist mein gröste klag;Heb auff und lass uns trinken; Her wirt uns dürstet also sere, trag auff wein!Am besten gelungen ist ihm sein Fehdelied (Nr. 78) gegen die Bauern, darinkonnte er sein trotziges Rittertemperament austoben.

Die ersten seiner geistlichen Gedichte fallen in die Zeit seiner Palästina-fahrt 1409/10 (Nr. 50-55 und die Monatsheiligen [Cisiojanus] Nr. 56. 57), diespäteren vielleicht in die Zeit seiner Gefangenschaft 1421-27 (Nr. 88-98), dieletzten (Nr. 103-06. 108.117.120-25) jedenfalls in sein Alter, da er sich von denTorheiten der Welt abwendet und seine Sünden bereut. Lediglich moralisie-rende, spruchartige Gedichte liegen ihm fern. Der Untergrund seiner Lieder,der sie auch als kulturgeschichtliche Zeugnisse wertvoll macht, liegt in ihrerLebenswahrheit. Aus dem Erleben heraus sprudeln ihm die Gedanken undWorte; man kann seine Biographie daraus zusammenstellen. In einem in sei-nem achtunddreißigsten Jahre, anno 1415, geschriebenen Gedicht (Nr. 64)faßt er die Erinnerungen, die Reisen (die überhaupt einen wichtigen Bestand-teil seines Motivenschatzes ausmachen, vgl. Nr. 6. 17. 36. 63. 64. 65. 99.100. 101. 102. 107. 109. 111. 113) und inneren Wandlungen, zusammen; amAbschluß seines dichterischen Schaffens legt er seine Lebensanschauungdar (Nr. 121, 120 V.) in einem Auszug aus Freidank. 2 Da dieses Gedicht ein

1 Wolkensteins naturalistische Beschreibungs. 2 Leitzmann, Ein Cento aus Freidank beikunst s. H. Brinkmann, Zu Wesen u. Form Osw. v. Wolkenstein, Festschr. Braune, 1920,malterl. Dichtung, 1928, 170ff. 255-59.