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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
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448 Übersicht

Der im Gradualismus der mittelalterlichen Seinslehre höchste Stand, dieGeistlichkeit, verändert, gemäß der christlichen, theozentrischen Weltge-schichtsanschauung, ihre Stellung nicht, weder in psychologischem Betrachtnoch sozial. Ihr Wirken in der Literaturgeschichte des Zeitraums wird imfolgenden in dem Kapitel: Geistliche Literatur des Spätmittelalters bespro-chen werden.

So war diese Literatur des ausgehenden Mittelalters keineswegs lediglichunschöpferischer Verfall, sie hat auch aus ihren eigenen Zeitanschauungenheraus Kräfte gefördert und zur Geltung gebracht. Am schlimmsten war esmit dem künstlerischen Formsinn bestellt. Wie im geselligen Verkehr dieguten Formen der Schicklichkeit und höfischen Zucht schwanden, so auch imliterarischen Stil der Sinn für eine gewählte, vollendete sprachliche undmetrische Form. Alles ist derber, nachlässiger, doch in einem Fall trittgerade das Gegenteil auf: die Sprache ist schwülstig überkünstelt unddarum erst recht geschmacklos; also wiederum gesunkener Formsinn: diesog.geblümte Rede". Auch die einheitliche mhd. Dichtersprache, die in derhöfischen Wortkunst ein höheres Idiom darstellte, hörte auf, seitdem dieUrkundensprache deutsch geworden war und die Sprachen der einzelnenTerritorialkanzleien (Landeskanzleien) im offiziellen Verkehr für das Publi-kum maßgebende Geltung gewannen (LG. II 2, 27ff.).

Wir haben keine Renaissance im Sinne der sogenannten Wiedergeburt, diedas ganze Volk durchdrungen hätte; der Humanismus, der in Deutschlandseit dem 15. Jahrhundert aufkam, blieb auf gelehrte Kreise beschränkt undhatte keinen Einfluß auf die Nationalpoesie.

In diesen zwei letzten Jahrhunderten des Mittelalters nimmt auch Nieder-deutschland regen Anteil an der Literatur. Sie wird dort ebenfalls zu einemwichtigen Faktor des geistigen Lebens. Deshalb ist die niederdeutsche Lite-ratur auch hier immer mit in Betracht zu ziehen; Zusammenfassung der nd.Literatur s. unten im Anhang.