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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
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ÜBERSICHT 447

schauungsweise; mit der Mitte des 15. Jh.s dringt der neue Geist des Humanis-mus in die Literatur, es entsteht eine Renaissanceliteratur, deren Anfängeschon vereinzelt in frühere Jahrzehnte zurückreichen.

Die weltliche Literatur der Zeit ist in ihrer realistischen, phantasielosenLebensauffassung eine Wiederspiegelung der allgemeinen Grundlage der gei-stigen Beschaffenheit, aber die des Dichtens Beflissenen besitzen nicht daspsychologische Verständnis und die Vorstellungskraft, die Lebensidee derbürgerlichen" Kultur in ihrem eigenartigen Wesen zu erfassen und zur Dar-stellung zu bringen, so wie etwa Rudolf v. Ems in seinem guten Gerhard denritterlichen Kaufmann gezeichnet hat. Der Charakter der spätmittelhoch-deutschen Gesellschaft hat in der Literatur nicht den entsprechenden Aus-druck gefunden, und die Dichtung bringt nicht das Musterbild eines vornehmenStadtherrn oder Bürgers, Kaufmanns oder Handwerkers, nicht den städti-schen Rat oder die Zünfte, das gesamte Leben in der Stadt mit den diesenGesellschaftskreisen eigentümlichen Sitten und Gebräuchen, mit den mora-lischen Anschauungen oder herrschenden Lebenswerten und dem bewegendenGefühlskomplex, kurz die Welt- und Lebensanschauung des Standes, zurDarstellung.

Noch bleibt das stoffliche Interesse am liebsten beim ritterlichen Leben;wie stark es in diesen zwei letzten Jahrhunderten war, beweisen die überausreichen Vervielfältigungen der höfischen Romane durch die Handschriften.Auch standen die Dichter dieser Periode noch vielfach in den Diensten desAdels, oder arbeiteten für die aristokratische Gesellschaft, und gerade einigeder beachtenswertesten Autoren gehörten dem Ritterstande an. Aber dieschöpferische Armut zeigt sich darin, daß diese abblühende Zeit keine führen-den Persönlichkeiten, keine anerkannten Meister hervorbrachte.

Der realistischen Sehweise entspricht das Stoffgebiet der weltlichen Lite-ratur dieser Zeit: sie ist gegenwartsnahe, aus der Umwelt schöpft sie ihreWahrnehmungen, nicht aus der romantischen Vergangenheit der Artussageoder aus der Kraftquelle des deutschen Heldentums. In der Lyrik wurdedas alte Minnelied zwar noch spärlich fortgepflegt, aber, außer bei einigenbegabteren Dichtern, hausbacken und nüchtern. An seiner Statt war derMeistergesang in den Singerschulen ein echtes Gewächs der Zeit; docheine hohe neue Errungenschaft war das Volkslied. In den epischenSonderzweigen waren Tierfabeln, Satiren, Schwanke, komische Epen beliebt,für größere romanhafte Erzählungen trat nun die Prosa auf in den Prosa-romanen und Volksbüchern. Bei der starken Lehrhaftigkeit dieser Generationwurde die Didaktik in großen Werken oder in Kleinliteratur sehr gepflegt.Die Prosa ist überhaupt ein viel stärkeres Mittel für die Form literarischerErzeugnisse geworden. Eine neue Errungenschaft war das Drama, das geist-liche, seltener weltliche, Spiel. Den Höhepunkt aber erreichte die Zeit mit derMystik, in der die höchste Stufe deutschen Denkens und Empfindens in einerwundersamen Sprache in die Erscheinung trat.