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sondern gemacht und rein traditionell nachgeahmt. Das ist der allgemeineCharakter dieser gesunkenen Kunst; natürlich ist auch jetzt noch manchesWerk ein seelisches Bekenntnis, aber im wesentlichen ist diese innere Wahr-heit auf die Mystik und das Volkslied beschränkt.
Mit der psychologischen Wandlung ging eine soziale Hand in Hand, einneuer Stand kam in die Höhe. Die wirtschaftlichen Verhältnisse wurden man-nigfaltiger. Das Feudalwesen haftete am Grundbesitz, durch stärkeren Ver-kehr mit dem Ausland, auch durch die Kreuzzüge entwickelten sich Handelund Gewerbe, besonders am Rhein; neben die allein geltende agrarische Wirt-schaft trat mehr und mehr die Geldwirtschaft; diese ökonomischen Verschie-bungen brachten einen neuen Stand zur Blüte, das Bürgertum in den Städten.Und während in den Städten der Wohlstand stieg und damit dem Bürgertumsich die Möglichkeit einer höheren Kultur eröffnete, erlitten die Mittel einesgroßen Teils des Adels und des Rittertums Einbuße in den fortwährendenKriegen und Fehden; die feine Gesittung und die höfischen Formen, zuht undmäze, wurden weithin mißachtet, und eine bäuerische Roheit machte sichbreit.
Das Ideal der Ritterehre verblaßte, und ungemein mehren sich die Klagenüber das Dahinschwinden der guten alten Zeit (s. LG. II, 2, 26 Anm. 1;Walther Rehm, ZfdPh. 52, 305 ff. 317 f.). Das ethische Fundament be-stand für das Rittertum in einem ideellen Lebenswert, die Ehre war Kern-begriff des ritterlichen Tugendsystems; im Bürgerstand herrschte als Trieb-kraft des Handelns ein Materielles, der Gelderwerb, — der Gegensatz vonIdealismus und Materialismus ist hier verkörpert. Auf diesen sozial-psychi-schen Gründen ruhte der Übergang von der ritterlichen zur bürgerlichenKultur, und die Literatur des Spätmittelalters, die man die bürgerliche'nennt, ist eine Erscheinungsform dieses neuen Lebensgefühls. Doch warendamit die Lebensformen der ritterlich-höfischen Gesellschaft nicht völligaufgegeben, vielmehr wurden sie von den Stadtbürgern, so gut es ging, auf-genommen und nachgeahmt, wenn auch wohl in etwas gröberer und derbererAusführung. Die bürgerlich-städtische Kultur ist von oben ins Volk ge-drungene Ritterkultur.
Die Geschichte selbst zeigt klar und deutlich die Wende. Es ist die Zeit,da das deutsche Reich keine Universalgewalt hatte, in der die Verfassungkeine Kraft mehr hatte, die „kaiserlose" Zeit, das sog. Interregnum. In denritterlichen Gestalten der Stauferdynastie mit dem starken Willen, der hel-denhaften Gesinnung und der Weltmachtsidee ist die hochhöfische Zeit ver-körpert, mit dem sparsamen verstandesmäßigen Berechner Rudolf v. Habs-burg und seiner nüchternen Haushaltungspolitik beginnt die „bürgerliche"Geistesrichtung.
Man kann die zeitlichen Grenzen dieses Prozesses näher bestimmen: dieVorbereitung zum literarischen Realismus beginnt mit der Mitte des 13. Jh.s;von da an bis zur Mitte des 15. Jh.s ist der Realismus die herrschende An-