432 Geschichtliche Dichtung
beln, Possen, und diese überwuchern weit die historische Grundlage. 1 Es fehltdie Würde, die Auffassung ist unhöfisch. Es ist mehr auf Unterhaltung als aufBildung und Belehrung abgesehen, die großen historischen Ereignisse tretenzurück hinter der Kleinmalerei. So spiegelt sich im Gesichtskreis des Stadt-bürgers um 1300 die Geschichte ab. Auch der Stil entspricht dieser gesell-schaftlichen Stufe, er ist kunstlos ohne literarische Muster aus der ritterlichenEpik. Nachgewirkt hat Enikel wenig. In der Weihenstephaner Chronik (s. obenStricker; Otto Freitag, Weihensteph. Chron., Hermaea 1905) sind längerePartien aus Enikels Weltchronik in Prosa aufgelöst.
Nach der Weltgeschichte wandte sich Enikel der Lokalgeschichte seinerengeren Heimat zu. Das Fürstenbuch, 2 eine Chronik von Österreich undSteiermark, beginnt mit der Gründung Wiens und endigt mit den letztenBabenbergern (unvollendet, 4258 V.). Die Kenntnisse schöpft er aus histo-rischen Quellen, aus mündlichen Berichten (2298. 2338), aus der Tradition;die letzten Jahrzehnte kannte er aus eigener Erfahrung. Er nennt seinenNamen und den eines Verwandten (19 ff. 2434). Das heroische Moment wirkthier stärker, Kriegstaten und ruhmreiche Regierungen werden geschildert,aber doch spielt auch das Anekdotische herein. Künstlerisch steht das Fürsten-buch etwas höher als die Weltchronik.
Weit übertroffen wird Enikel durch Ottokar (von Steiermark) 3 sowohlan historischem Sinn als an sprachlicher Begabung. Seine österreichischeReimchronik ist ein wirkliches, auf Tatsachen ausgehendes Geschichtswerkohne Ausschmückung durch unterhaltende Histörchen. Im Gegensatz zu demStadtbürger Enikel steht er in Beziehung zum Adel, war im Dienste von Ottovon Lichtenstein, dem Sohne Ulrichs von Lichtenstein, und lernte die Dicht-kunst; als seinen „Meister" nennt er meister Kuonrät v. Rotenberc (322 ff.),einen aus dem Schwärm der Spielleute, Sänger und Fiedler, mit dem sichseiner Zeit der König Manfred (Mehtfrid) in Unteritalien umgab (270-376).Vor der österreichischen Chronik hat er, wie er in der Einleitung berichtet(14-22), eine — nicht mehr erhaltene — Kaisergeschichte abgefaßt, die mitden Gewaltigem von Assyrien, Griechenland und Persien begann, dann zu denRömern überging und mit Friedrich II. abschloß. Seine österreichische Chro-
1 Siehe dazu die Anmerkungen Strauchs ;v.d. wof, Mitteil. a. d. hist. Litt. 22,152-7. — Lit.:Hagen, GSA. II, Anhang S. 487-650. III Seemüller Bd. 2; Piper, Höf. Ep.3,663 f.—Nr. 67 S. 337-49 u. S.CXXVIII-CLXVI. Abhandl.: Seemüller Bd. 2; Ders., Fest-
2 Ausg.: Strauch aaO. — Lit. s. Strauch, sehr. f. P. Hugo Mareta 1892; Milos Vystyd,Abt. I S. 309, Anm. — Abhandl. Jos. Lampel, D. steier. Reimchr. u. die Königsaaler Chron.,D. Einleitg. zu Jans Enenkels Fürstenbuch, Mitteil. d. Instituts f. österr. GeschForsch. 34,Wien. Diss. 1883, dazu Lichtenstein, DLz. 1913, 218-95; Hans v. Voltelini, Ottokars1884, 769. — 4 Hss. österreich.Reimchronik,Z.d. Savigny-Stiftung
3 Ausg.: Joseph Seemüller, Ottokars öster- f. Rechtsgesch. 50, 1930, 385-88. — Stellen:reich. Reimchronik, Mon. Germ. Dt. Chroniken Bech, ZfdPh. 27, 27-51; Sprenger, ebdaBd. V, 1. u. 2. Teil, 1890. 1893, dazu Rosen- S.427f.; Götze, ebda 51, 478; Wallner,hagen, ZfdPh. 27, 129-31, Bech, ebda S. 27 ZfdA. 64, 92-95; Lunzer, ebda 65, 51 ff. —-51, Behaghel, Lbl. 1894, 389 f., Cbl. 1894, 9 Hss., Seemüller 1 S. III; Ders., ZfdA. 38,1146 f., Heinzel, ZföG. 42, 620-2 u. Kl. Sehr. 368-76; Piper aaO.
S. 395-8, Loserth, Hist. Zs. 74, 282-92, II-