430 Geschichtliche Dichtung
unbeeinflußt von der höfischen Poesie; die niederdeutsche Sprache 1 ist mithochdeutschen Zügen vermischt. Der Versbau nähert sich in üblicher nieder-deutscher Verstechnik mit den vielsilbigen Takten dem Sprechvortrag.
Hundert Jahre später, um 1300, verfaßte ein Geistlicher namens Bruno,zeitweise herzoglicher Kaplan (urkundlich 1301-20), eine Lokalchronik vonBraunschweig. Diese Braunschweiger Reimchronik 2 ist eine Ruhmes-geschichte des weifischen Fürstenhauses und gipfelt in der VerherrlichungHeinrichs des Löwen und Albrechts I., des Großen (gestorben 1279), an dessenHof der Kaplan bestellt war und dem er eine poetisch gehobene Totenklagewidmete. Die Gandersheimer und die Braunschweiger Chronik, zwei Ge-schichtsdenkmäler der gleichen Gegend, vertreten zwei verschiedene Stilarten,jene die ältere, heimische Form, diese die hochdeutsche, höfische. Hier giltjenes hochdeutsch gefärbte Niederdeutsch und der Versbau ist durch diemittelhochdeutsche Kunstepik beeinflußt. 3 Es finden sich Stilentlehnungenaus den höfischen und Heldenepen. Die Abschnitte werden durch dreifachenReim geschlossen (über 9300 V.). Die ganze Haltung des Gedichtes istbegründet in seiner Bestimmung für die ritterliche Hofgesellschaft.
Unter anderen politischen und sozialen Verhältnissen als die BraunschweigerReimchronik entstand Gottfried Hagens Chronik von Köln. 4 Der Braun-schweiger Geistliche huldigt in treufester Ergebenheit dem angestammtenFürstenhaus, der Kölner Stadtschreiber steht mitten in den politischen Wirrenseines Gemeinwesens; zwei Kontrastbilder der inneren und engeren Verhält-nisse des Reiches. Unmittelbar unter dem Eindruck der Begebenheiten be-schreibt der Chronist den Streit der Bürgerschaft mit den Bischöfen zwischen1250 bis 1270 (am Schluß gibt er seinen Namen und die Abfassungszeit an)und wiederum der Geschlechter, auf deren Seite er steht, gegen die Handwer-ker, in einfacher, doch nicht ungewandter Vortragsweise (in kölnischemDialekt) und in sorglosem Versbau (Reimpaare von 4 Hebungen bei mehr-silbigen Senkungen; über 6000 V.).
Am Ausgang der Periode ragen zwei dem österreichischen Stammesgebieteangehörende Chronisten hervor, Enikel und Ottokar.
Jansen Enikel, 5 der Jansen eraTce/(Weltchronik 83 ff.; Fürstenbuch 19 ff.),der Enkel des Jans (= Johannes; enikel, Enkel, wurde zum Familiennamen
1 Sprache, Stil, Metrik: Roethe aaO.; Emil Eberh. v. Groote, 1834; H. Cardauns, Chro-Henrici, Die Nachahmer von Hartmanns niken deutscher Städte Bd. 12,1875. — Fr.W.Iwein, 1890, S. 93 f.; Wolff, Ausg. S. XIII ff. Vleugels, Meister G. Hagens, des Stadt-XXIII ff. u. ZfdA. 64, 307-16. Schreibers, Buch v. d. Stadt Köln, ins Nhd.
2 Lit. s. bei Stammler, Mnd. Leseb. S. 139 übertragen, 1921. — Abhandl.: EmilHenrici,(zu S. 69 f.); Schröder, ZfdA. 60, 151 f.; Die Nachahmer aaO. S. 12 f.; Ernst Dorn-Stammler, Gesch. d. nd. Lit. S. 23 f. — 2Hss. feld, Textkrit., sprachl. u. metr. Untersu-
3 Sprache, Stil, Metrik: Roethe, Reimvor- chungen zu G. H.s Reimchr. d. Stadt Köln,reden S. 38-45; Behaghel, Schriftsprache u. Marbg. Diss. 1911 u. Germ. Abhandl. H.40;Mundart, 1896, 35 f.; Roediger aaO.; Rud. John Holmberg, E. mittelniederfränk. Über-König, Stilist. Untersuchungen zur Braun- tragg. des Bestiaire d'Amour, 1925 (Spracheschw. Reimchr., Hall. Diss. 1911. pass.). — 1 Hs. 1 Bruchst.
4 Lit.: Piper, Hof. Ep. 3, 662 f. — Ausg.: 5 Ausg.: Phil. Strauch, Jansen Enikels