VII. GESCHICHTLICHE DICHTUNG
Reimchroniken 1
Schon in der Kaiserchronik des 12. Jahrhunderts (LG. II, 1, 271 f.) ist eingeschichtlicher Stoff in poetischer Form und Darstellung als Selbstzweck, ebenzur Kenntnis der geschichtlichen Tatsachen, literaturgeschichtliches Ereignisgeworden. Doch ist die chronikalische Stilart noch verwandt mit dem Romandurch den stark fabulistischen Einschlag von Sagen, Novellen, Legenden. Im13. Jahrhundert erhielt die Kaiserchronik eine Überarbeitung und Fortset-zung. Durch die erstarkende wissenschaftliche Auffassung des Geschehens er-lebte die chronikalische Reimdichtung einen bedeutenden Aufschwung. DieWeltchronik Rudolfs v. Ems mit ihrem großen Erfolg ist ein Ausfluß dieserGeistesströmung. Die historische Dichtung bildet innerhalb der weltlichenEpik eine eigene Gattung. Schon durch ihre Form erweisen sich die Reim-chroniken als Dichtungen; bei ihnen wird also das künstlerische Moment inSprache, Metrik und Gesamtdarstellung gegenüber dem historisch-wissen-schaftlichen Inhalt abzuwägen sein. In manchen der Verschroniken bestehtimmerhin noch ein ritterlich-höfischer Geist hinsichtlich der Idealisierung undPoetisierung, in andern überwiegt das historische Interesse, das dann in denProsachroniken des 14. 15. Jahrhunderts allein maßgebend ist. In dieserdeutschsprachigen Geschichtsliteratur geht zeitlich und räumlich ein Zug vomWeiteren ins Engere, von der allgemeinen Weltchronik und der römisch-deutschen Kaisergeschichte, der Kaiserchronik, zu enger begrenzten Lokal-geschichten und zu noch spezielleren Stoffen, zu einzelnen Ereignissen derunmittelbaren Gegenwart (die historischen Volkslieder).
Das älteste deutsche gereimte Geschichtswerk nach der Kaiserchronik istdie Gandersheimer Reimchronik, 2 abgeschlossen vor 1218, also noch vorder Sächsischen Weltchronik. Das Buch wurde nach verlorenen lateinischenQuellen ins Deutsche gewendet von einem papen, de heil Everhart, V. 879;urkundlich belegt ist ein Everhardus Diaconus 1204 und 1207. Aus politischerAbsicht hat Eberhard unternommen, die Geschichte des Klosters zu schreibenvon der Gründung an bis zu seiner Zeit (Friedrich IL, gegen Ende gekürzt),um die altbegründeten, rechtmäßigen Ansprüche des Klosters aus dessen Ge-schichte zu erweisen. Die Übersicht ist klar (1955 V.), der Stil schmucklos,
1 Auch die Heiligenlegenden sind historische reden S. 48-52 u.ö.; Schröder, Zur Über-Werke, gehören aber ihrem Inhalt entspre- lieferg. d. Eberh. v. G., Neues Archiv f. älterechend in das Kapitel „Geistliche Dichtung", dt. Geschichtsk. 45, 1924, 119-26; L. Wolff,
2 Ausg.: Ludw. Weiland, Mon. germ. hist. Sprachliches, Textkritisches u. StilistischesDt. Chroniken II, 1877, dazu Roediger, Anz. z. Eb. v. G., ZfdA. 64, 307-16; Ders., Stamm-4, 265-9; L. Wolff, D. Gandersheimer Reim- lers Verfasserlex. 1, 470; Stammler, Mnd.ehr. des Priesters Eberhard, Ad. Textbibl. Leseb. S. 67 f. (Auszug) u. S. 139 (Lit.). —Nr. 25, 1927, dazu Agathe Lasch, Anz. 48, Stellen: C. H. F. Walther, Nd. Jahrb. 46,1929, 33 f., Borchling, Nd. Kbl. 40, 63, 1920, 76 f.; Heinr. Lichtenberg, D. Archi-Stammler, ZfDschkde. 1928, 814, Piquet, tekturdarstellungen in d. mhd. Dichtg., 1931,Rev. germ. 19, 1928, 190 f., Behaghel, Lbl. 34-36.
1929, 405 f. — Abhandl.: Roethe, Reimvor-