Mystische Lieder. Die Seele als Braut Christi 427
— Weit an poetischer Empfindung überragt die sonst hier genannten Gedichte„Der Minne Spiegel" 1 Ein sei vorgotes füezen lac (Bartsch S. 242-77, über-setzt von A. Freybe, 1870), ein langes Gespräch in 131 achtzeiligen Strophen(1058 V., 14. Jahrhundert) zwischen Gott und der Seele, die strophenweiseredend abwechseln: die Reue der Seele und die Gnade Gottes, der die Seele,min turteltübe, min liehte himmelrose, das üfgende morgenröt, die tohter vonSyon, zum gemahel annimmt.
Vier (fünf) charakteristische Gedichte dieser Art sind herausgegeben vonFranz Pfeiffer, Ad. Blätter 2, 359-73: I. Swer gerne hiet ein guot leben, demist hie ein rät gegeben (268 V.); die Seele muß sich den Sinnen versperrenund den eigenen Willen aufgeben, Gott den Willen anheimgeben; glühendeLiebe zu Jesus, der sie gerne annimmt. 2
IL Ein höher werder pin hat mich in trüren bräht (159 V. in 33 verschiedengebauten Strophen), a) Zuerst Selbstgespräch der Seele, Aufgeben der Welt,Gedenken an Christi Kreuzestod; V. 1-44. b) V. 45-52, zwei anders gebauteStrophen, über die Minne, c) V.53 bis Schluß: Vil werde sele halt dich wert,bekenne wol din edelkeit, Der Seele Würdigkeit: die Seele ist die Form,die Gott nach seinem Bilde geschaffen hat; die Minne hat Christus zum Opferam Kreuze geführt. 3
III. Zuo der rehte Minnenden sele sprichet der himelische herre (57 V.).Christus erinnert die minnende Seele, daß sie ihn für seine um ihre Minne er-littenen Leiden wieder minnen und die Welt aufgeben soll. 4
IV. Ein Kind ze tröste ist vns gesant (59 V., deutsche Verse wechseln mitlateinischen ab), Weihnachtslied, Preis des Christkindes und seiner Mutter,Christi Liebe zu uns. 5
Der Seele Liebesgarten, niederdeutsches Gedicht (35 vierzeilige Stro-phen) in Volksliedweise, Selbstgespräch, Entschlußmonolog der Seele. Anfang:Ik (die Seele) byn van sorghen drovich, darum will ich Gesellschaft suchenund spazieren gehen in meines Lieben Garten. Mein Lieb wird mich vonSünden gesund machen, wir wollen in diesem Garten die feinen Blümleinpflücken und ein Kränzlein machen, das will ich dem Liebsten mein auf-setzen. 6
Ein Gebet der Seele zu Gott und seine Erhörung ist das Gedicht „Gottund die Seele" 7 bei Bartsch, Erlösung S.214-16: Ach starker got von himel-rich, verlä mich niht, fleht die Seele, pis mir mit diner helf bereit ; Gott erhört sie:zem gmahel hän ich dich erweit. Es sind sechs Strophen (64 V.); die drei
Preger 2, 62-66; Banz S. 47 f. S. 8; Petzet S. 267 f. (mit Lit.).
2 Pfeiffer S. 359-66; Preger 2, 59-61; 6 Pfeiffer S. 371-73; Petzet S. 269. —Banz S. 50 f.; Petzet, Catal. S. 241. Diese vier Gedichte auch bei Ph. Wacker-
3 Pfeiffer S. 366-70; Schmeller, S. Ulrichs nagel, Kirchenlied 2, 290 ff.
Leben (s. oben Legenden) S.VIII-XII; Pre- «Schröder, Nd. Jahrb. 15, 1889, 24-26;
ger 2, 58; Banz S. 51; Petzet S. 165. 270. Banz S.51 f.
Pfeiffer S.370f.; Adrian S.452-55; ' Preger2,61 f. ;Ph.Wackernagel Nr.446;
Banz S.48; Schröder, Gott. Nachr. 1931 Banz S.48f.