426 Mystik in der deutschen Literatur des 12./13. Jahrhunderts
Die segensreichen Wirkungen des Abendmahls für den, der unseres HerrnLeib recht und mit Verständnis nimmt, werden aufgezählt in einem Prosa-traktat Von zwölferlei Frucht und Nutzen von unseres HerrenLeichnam (Abendmahl). 1
Mystische Lieder. Die Seele als Braut Christi
Nach Lamprechts von Regensburg Tochter Syon und dem alemannischenGedicht hat „Christus und die minnende Seele" (MS.) am meisten Stoff-bestand. 2 Es ist ein Dialog zwischen Christus und der Seele (2112 V.,niederalemannisch, erste Hälfte des 15. Jahrhunderts): Warnung vor der Welt,Kasteiung des Leibes, die Seele muß ganz bloß, aller andern Gedanken ledigsein, um Christus anzugehören. Dann schießt sie ihn mit der Minne Strahl,schließlich setzt er ihr eine Krone auf, mit der sie den ewigen Lohn besitzt unddas Ende ist Christus' Wort: Lieb, ich und du sind all ain, alsus wirt ains usuns zwain. Durch Weltentsagung zu Gott zu gelangen, das ist der religiöseGrundgedanke dieser Mystik. Der Inhalt bewegt sich in den bekannten mysti-schen Empfindungen und Vorstellungen, Eigenes hat der Verfasser nicht dazugetan. Die künstlerische Gestaltung ist gering, die Sprache eintönig, docheben durch ihre Natürlichkeit anschaulich.
Diesem größeren Gedichte geht in den zwei Haupthandschriften (Ein-siedeln, Überlingen) ein bedeutend kürzeres voran (18 vierzeilige Strophen):Die kreuztragende Minne: 3 Wer zu mir in min rieh wel kommen,Der sol sin erütze uff sich nemmen, ein Dialog, in welchem abwechselndStrophe für Strophe der Herr und „Sy" (die gesponcz) sprechen, er gibtihr Anleitung zu seiner Nachfolge, die Lehre ist Entsagung. 4 In zwei Hand-schriften folgt ein Prosadisput zwischen der mannenden Seele und unsermHerrn.
Eng verwandt damit ist, wie schon die Eingangszeilen „Hebe auf dein Kreuz,meine Braut, du allerliebste, folge mir nach" zeigen, das Gespräch zwischenJesus und der Seele „Von der innigen Seele" oder „Jesus und dieBraut" 5 (17 Strophen zu 4 Zeilen, 15. Jahrhundert).
In naher Beziehung zu MS. steht Die minnende Seele bei Bartsch, Er-lösung S. 216-24 (Bartschs „Minnende Seele"), 6 beginnend: Bin langer släfwil dich versümen (222 V.). In dramatischem Aufbau wird die Seele durchLeiden und Peinigungen, die ihr der Herr auferlegt, zur Brautschaft mit ihmerzogen, zur mystischen Vereinigung, ich du, du ich, wir zwei sin ein, V. 189.
1 Pfeiffer, Ad. Bl. 2,354-59; Anz. f. Kunde 6 Hoffmann v. Fallersleben, Aufseß Anz.d. dt. Vorzeit 1861, 310. 1834 Sp. 27 f.; Alois Hruschka, ZfdA. 22,
2 Banz, Christus u. die minnende Seele (das 78-80. — Niederdeutsch: Hoffmann v F.,ganze Buch; Text S. 259-363). — Mnd.: Germ. 15, 366-69; Jellinghaus, Jahrb. d.Stammler, Mnd. Leseb., 1921, Nr.62S.98-100 Ver. f. nd. Sprache 7, 3 ff.; Stammler, Mittel-u. Anm. S. 143 f. niederdt. Leseb. S. 98-100 u. Anmerk. S. 143f.
8 Franz Hotzy, ZföG. 63, 1057 ff.; Bantz (mit reicher Lit.); Banz S. 3 f. 47.S. 1 ff. 47, hgb. S. 253-58. « Banz S. 43-47.
4 Abgedr. Banz S. 364-68.