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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Andere mystische Dichtungen 425

Von dem Verfasser der Lilie rührt wahrscheinlich auch die gereimteRedevon den fünfzehn Graden" her, 1 der mystische Aufstieg der Seele zu Gottin fünfzehn ihm immer näher führenden Zuständen. Dann allerdings würdedie Lilie erst im 14. Jahrhundert anzusetzen sein.

Das mystische Thema vom Weg der Seele bis zu der Umarmung desliebenden Jesus, des Bräutigams, durch fünfzehn Stufen ist genauer aus-geführt in dem Prosatraktat: Die Rede von den fünfzehn Graden,nämlich vom ersten Grad, der Erkenntnis, cognitio, zum zweiten und dritten,der Liebe und des Begehrens, zum vierten, dem Vorschmack der göttlichenGnade, zur Geduld (5), wisheit(Q), Trost (7), Demut (8) usw. bis zum 15. Grad,dem Schlaf, der Rast von aller Mühe. Der Traktat hat mittelfränkischeMundart und ist wahrscheinlich eine Arbeit des Verfassers der Lilie. 2

Unmittelbar an das Hohe Lied, dasMinne Buch", knüpft an der mystischeProsatraktat (zuletzt Reimprosa) Salomönis hüs (13. Jahrhundert), 3 eineallegorische Deutung von Höh. Lied 3 V. 9. 10 auf den Weg zur ewigenMinne. Auf Salomos Haus folgt in der Handschrift eine Darstellung und Deu-tung der Meßliturgik,ein bezeichenvnge der heiligen messen" : geistige Be-deutung der Glocken, Kleidung des Priesters, Introitus, die zwei Lichter aufdem Altar usw.

Die für die mystische Literatur charakteristische Stilform der Aufzählungist angewendet in einigen weiteren Prosatraktaten. Den Wunne Baum derminnenden Seele 4 (eigentlich derMinne Baum") soll die Seele aufsteigen,bis daß sie kommt zu ihrem Lieb. Vier Wurzeln des Baumes, an denen nochjeweils Würzelein hangen, dann zwölf Äste werden gedeutet auf die fort-schreitenden Minnegrade; damit verbunden ist eine Anweisung zum voll-kommenen geistlichen Leben.

Andere Baumallegorien sind Der Baumgarten von Konrad vonWeißenburg (Elsaß, 13. Jahrh.?), eine Deutung von sieben Bäumen einesBaumgartens: Baum der Reue, Barmherzigkeit, Geduld usw.; auf jedemBaum ein Vogel, unter dem Baum eine Blume, die ebenfalls auf Tugendengedeutet werden. Eine Variation desBaumgartens" ist Der Palmbaum,indem statt des Baumgartens mit sieben Bäumen der Palmbaum mit siebenÄsten gesetzt ist. 5

1 W. Dolfel, Germ. 6, 144-60; Wüst S. II; 4 Preger, Gesch. d. dt. Mystik 2, 48 ff.; Ab-Strauch, DLz. aaO.; Ders., Nd. Korrbl. 10, druck des Textes einer Gießener Hs. bei49 (vgl. Nd. Jahrb. 10, 18). Adrian, Mitteilungen aaO. S. 456-67 mit drei

2 Teilweise abgedruckt von Dolfel aaO; s. in der Hs. darauffolgenden Prosaabhandlun-die Ausgabe der Lilie von Wüst S. II; Strauch, gen; Petzet, Catal. S. 241 (eine MünchenerDLz. aaO. u. Nd. Jahrb. aaO. (Hs.); J. B. Hs.).

Schoemann, Die Rede von den 15 Graden, 6 Abdruck: Bormann, v. d. Hagens Germa-

1930, dazu Strauch, Anz. 49, 131 f. nia 2, 303-8. Preger 2, 51-53; Strauch,

3 Hgb. J.V.Adrian, Mitteilungen aus Hand- Palma contemplationis, Beitr. 48, 335-75;Schriften u. seltenen Druckwerken, 1846, 417 Palmbaumallegorie, Strauch, Konrad von-42. Schröder, Die Gießener Hs. 876 u. Weißenburg, Euphorion, Ergänzungsheft 16,die rheinfränk.Himmelfahrt Mariae", Gott. 1923, 34-42 (darin noch andere mystischeNachr. 1931, 1-27 S.3. 7 f. Stücke); s. oben St. Georgener Prediger.