424 Mystik in der deutschen Literatur des 12./13. Jahrhunderts
Bräutigam unmittelbar; beim Manne muß sie, wenn sie poetisch ausgedrücktwerden soll, zuerst durch das Medium einer weiblichen Vorstellung hindurch-gehen, das ist die personifizierte Seele. Mechthild, um 1212 geboren, warBegine in Magdeburg von 1235 an, trat um 1270 in das Zisterzienserinnen-kloster zu Helfta bei Eisleben und starb nach 1280. Ihre Offenbarungen, denensie selbst die mystische Bezeichnung „Das fließende Licht der Gottheit" gab,hat sie niederdeutsch aufgeschrieben; sie wurden als Revelationes ins Latei-nische übersetzt. Der niederdeutsche Text ist verloren, das Werk ist nur in derhochdeutschen Übertragung des Heinrich von Nördlingen, um 1344, er-halten. Die äußere Form ist Prosa, gemischt mit Versen. Hier hat die frühereMystik den glänzendsten Ausdruck gefunden. In ihren Visionen erblicktMechthild Wunderbares: mit ihrer Seele Augen schaut sie die heilige Dreifal-tigkeit, Jesus Christus, ihren Engel. Sie glüht in Sehnsucht nach der unmittel-baren Gemeinschaft mit Gott, nach der bräutlichen Vereinigung mit Jesus.Sie gewährt einen tiefen Einblick in ihr Seelenleben, in die Verzückung einermystischen Gemütsart. Sie kämpft gegen die Sinnlichkeit, gegen die durchdie Sinne vermittelte Welt, und übt freimütige Kritik an den Zuständen derKirche und dem verweltlichten Klerus. Ihr Sinn ist ganz auf das innige Ver-hältnis zu Gott gerichtet, „ich stürbe gern von Minne", und sie besitzt diemystische Ausdrucksweise, die auch auf Eckhart gewirkt hat, um diese my-stische Grundrichtung zu vertreten: das Fließen der Seele in Gott, das Ver-branntsein der Seele in der Minne, das Bloßsein der Seele.
Andere mystische Dichtungen
Ihre mystischen Verzückungen und Visionen offenbart die Nonne Gertrudvon Hackeborn 1 (Nonne im Zisterzienserinnenkloster Helfta bei Eisleben,lebte 1241 bis 1298) in ihrem lateinisch abgefaßten „Liber specialis gratiae".
Eine mystische Allegorie ist Die Lilie, 2 eine religiöse Deutung der Blätterund Blüten, so daß die Pflanze zu einem Symbol für geistliche Andacht wird.Die Lilienallegorie geht auf eine verlorene lateinische Vorlage zurück. Das tief-empfundene Gedicht ist das Werk eines Kölner Priesters und Seelsorgers. DieForm ist frei, rhythmisch gehobene Prosa.
-14, Götze, Theol. Lit.-Zeitg. 58, 180; Elisa- v. Magdeb. das Urbild von Dantes Matelda?
beth Rotten, Festschr. Buber 1927, 64-66; * Vollständige Lit. bei Josef Quint aaO.;
Günther Müller in Walzels Handbuch S. 40 Strauch, ZfdA. 27, 373-76 (Gertrud von
f.; Ders., Aufriß der dt. Lit.Gesch., 2. Aufl. Hackeborn ebda S. 376-81).
1931, 51; E. Zinter, Zur myst. Stilkunst 2 Ausg.: Paul Wüst, Die Lilie, e. mittel-
Mechthilds von Magdeb., Jen. Diss. 1931; fränk. Dichtg. in Reimprosa, Dt. Texte d.
Singer, D.relig. Lyrikd.MA.s, 1933, S.96-98; MA.s Bd. 15, 1909, dazu Polheim, Anz. 35,
Heinz Tillmann, Studien zum Dialog bei 45-47, Strauch, DLz. 1912, 994-97. — Hoff-
Mecht. v. Magd., Marbg. Diss. 1933, dazu mann von Fallersleben, Germ. 3, 56-58;
Korn, Anz. 52, 103-5; s. unten Mystik des John Meier, Beitr. 16, 89 Anm. 2. — In der
14. 15. Jhs. — Über die Meinung, Dantes Ausgabe von Wüst folgen anhangsweise eine
Matheida in den letzten Gesängen des Purga- „Predigt über die Lilie" (Hs. 14./15. Jh.) und
torio sei Mechthild V.Magdeburg, S.E.Böhmer, vier kleine geistliche Gedichte in mittelfränk.
Jahrb. der dt. Dantegesellsch. 3, 101 ff.; Pre- Mundart: Die 3 Blumen des Paradieses; Der
ger, Münch. SB. 1873 H. 2; Ders., Gesch. d. dreifache Schmuck der seligen Jungfrauen;
dt. Mystik 1, 103; Erich Rosendahl, Nieder- Das himmlische Gastmahl; Warnung vor der
Sachsens Frauen, 1919, darin S.45-53 Mechthild Sünde.