Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
Seite
420
Einzelbild herunterladen
 

420 Mystik in der deutschen Literatur des 12./13. Jahrhunderts

weise durchzogen und war damit von Einfluß auf Susos und Taulers Sprache.Der bekannteste Traktat der Sammlung ist die Allegorie vom Palmbaum undseinen Ästen, die auf die Tugenden gedeutet werden (Von des balm bomesbezeichenung"), s. Rieder S. 260-76, wo Anm. 1 weitere Lit.; Preger 1,48-53; Strauch, Beitr. 48, 335-75 u. Festschr. Sievers 1925 S. 537. Voneinem Ulrich Engelbert, auch Ulr. v. Straßburg genannt, 2. Hälfte 13. Jh.,existierte eine mfränk. Predigt; Hans Neumann, Stammlers Verfasserlex.i,574-76.

C. MYSTIK IN DER DEUTSCHEN LITERATUR DES 12./13. JAHRHUNDERTS 1

Dreifach ist die Stufenfolge der mystischen Erkenntnistheorie: Cogitatio,die sinnliche Wahrnehmung; Meditatio, das verstandesmäßige Denken; Con-templatio, die Anschauung, die Intuition. Dieses Schauen des Göttlichen ist dieoberste Stufe der Mystik, und deren Gipfel ist die Ekstase, in der der Menschganz aus seinem Selbst heraustritt, um allein mit Gott vereint zu sein. Dieseinnere Betrachtung hat ihre dichterische Verklärung in der Liebe des Freundesund der Freundin im Hohen Liede gefunden; das Symbol für die innige Ver-einigung mit Gott ist die Vorstellung von der Seele als Braut Gottes, von Jesusals dem Seelenbräutigam f Brautmystik.

Die praktische Mystik des Mittelalters ist ausgegangen von St. Bernhardund Hugo von St. Victor; 2 sie hat in der mittelhochdeutschen Literatur ihrenersten Ausdruck im St.Trudperter Hohen Lied gefunden (LG. II, 1, 29-39). 3

Im dreizehnten Jahrhundert und im Anfang des vierzehnten ist die min-nende Seele als Tochter Syon aufgefaßt, d. h. als Tochter von Jerusalem,der heiligen Gottesstadt (schon im Alten Testament), in zwei Gedichtenentwickelt (Tochter Syon in der Mystik des 14. Jahrhunderts s. unten).

Die Tochter von Syon von Lamprecht von Regensburg 4

Nachrichten über das Leben des Dichters enthält sein früheres Werk, dasFrancisken Leben (s. unten Legenden). Er war der Sprache nach Bayer, er-

1 Phil. Wackernagel, Das deutsche Kir- in den Predigten über das Hohe Lied, De dili-chenlied Bd. 2; Hoffmann v. Fallersleben, gendo Deo; bei Hugo v. St. Victor (1096-Gesch. des deutschen Kirchenliedes S. 86-130; 1141) im Soliloquium de arrha animae (MigneBartsch, Erlösung S. 187-331; Ders., Quel- 176, 951 ff.), De Amore sponsi (Migne 176,lenkunde S. 311-33; Preger 2, 48-66; P. Ro- 987ff.), Miscellanea lib. VI tit. 81 (Migne 177,muald Banz, Christus und die Minnende Seele 849f.).

(mit. Lit.), 1908, dazu Strauch, Anz. 34, 3 Die Seele als Braut Gottes begegnet in der

255-61, Bihlmeyer, DLz. 1909, 1821-23, Lit. des 12. Jh.s außerdem noch in der Summa

Bernt, ZföG. 1910 H.7, Helm, Lbl. 1913 Theologiae Str. 27, 1, MSD. I 3 , 123 u. Anm.

S. 5f.; Raab, Über vier allegorische Motive in II 3 , 216, und Diemer, Dt. Ged. d. XI. u.

der lat. und deutschen Lit. des MA.s, Progr. XII. Jh.s, 1849, S. 102Z. 1 f.; auch in Priester

Leoben 1885 S. 16-19; Arnold Oppel, Das Arnolds Siebenzahl, Diemer aaO. S. 335,13ff.

Hohelied Salomonis und die deutsche religiöse * Ausg.: Karl Weinhold, Lamprecht v.

Liebeslyrik, 1911; Maria P. Pieler, Deutsche Regensburg, Sanct Francisken Leben und

Frauenmystik im 13. Jh., Wien. Diss. 1928; Tochter Syon, 1880, dazu Bech, GgA. 1881,

R. Egenter, Die Lehre von der Gottes- 490-501, Strauch, Anz. 8, 1-8, Kinzel,

freundschaft in der Scholastik und Mystik des ZfdPh. 12, 491-94, Roediger, DLz. 1880,

12. und 13. Jh.s. Siehe unten Mystik des 233; Auszug: Hoffmann, Fundgruben 1, 307

14. und 15. Jh.s. -17. Preger, Gesch. d. dt. Mystik l,283ff.;

2 Bei Bernhard v. Clairvaux (1091-1153) bes. Strauch, ADB. 17, 581 ff.; Wiltrud Wich-