408 Dm geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts
mit dem sie zusammen spielen. Dann verkündet es dem Knaben, daß er nochheute mit ihm in seiner Freude sein werde. Und Gott selbst kommt und führtunter Gesang der Engel die Seele des Kindes mit sich. Die naive Kinder-geschichte ist lieblich erzählt, unter dem Einfluß von Konrads v. WürzburgStil (alemannisch, Anfang des 14. Jh.s, 305 V.).
Heinrich Clüzenere (Klausner) 1 erzählt ein ähnliches Wunder unsererlieben Frau: ein Klosterschüler diente in Frömmigkeit unsrer lieben Frau.Seine Mutter war so arm, daß sie ihm keine Schuhe anschaffen konnte. Dasbetrübte ihn sehr deshalb, weil er barfuß nicht zum Chor gehen konnte. Erbat die heil. Jungfrau um ein Paar Schuhe, sie erscheint ihm selbst, ver-sagt ihm aber seine Bitte und läßt ihn statt dessen wählen, ob er einstBischof werden wolle, oder in drei Tagen sterben und sofort ins Himmel-reich kommen. Er wählt das letztere. — Der Dichter nennt seinen Namen(V. 45); der Bruder Pilgerim von Görlitz erzählte ihm diese Geschichte(V. 54 ff.), und der junge König von Böhmen veranlaßte ihn zu dem Ge-dicht (V. 1355). Er war wahrscheinlich Schlesier, die Beziehungen zu Görlitzund auch seine Sprache weisen dahin. Die Abfassung dürfte in die achtzigerJahre des 13. Jahrhunderts fallen, in die Jugendzeit Wenzels II. von Böhmen(1364 V.).
Die äußerste Spannung hat die Jesuminne erreicht in der Legende Vondem Beginchen von Paris. Eine reiche Jungfrau in Paris gibt aus Liebezu Gott Gut und Ehren auf, verläßt ihre Mutter und geht in den Orden derBeginen. Aber Jesus hat ihr Herz so ganz eingenommen, daß sie die einer Be-gine obliegenden Arbeiten, Nähen, Spinnen, ja selbst zur Kirche gehen ver-weigert. So wartet sie sieben Jahre in ihrer Kammer ohne irdische Speise undTrank auf Jesus, bis er sie in sein Himmelreich abholt. Das Gedicht ist wohlein Erzeugnis des 15. Jahrhunderts, das Original ist nicht erhalten, nur zweiverschiedene Fassungen desselben, eine kölnische in einem Druck vom Anfangdes 16. Jahrhunderts 2 (137 vierzeilige Strophen) und eine westniederdeutschein einer Handschrift des 15. Jahrhunderts (554 V.). 3
Die Legende vom Engel und vom Waldbruder. Ein Einsiedler istZeuge eines Todschlages, da wird er irre an Gottes Gerechtigkeit und gehtwieder in die Welt hinaus. Gott sendet ihm einen Engel als Begleiter, der abertötet Menschen und stiehlt. Der Einsiedler hält ihn deshalb für den Teufel,aber der Engel klärt ihn auf: Alles sei zum Seelenheil der Betroffenen gesche-hen, denn er habe sie vor Sünden bewahrt, die sie zur Hölle geführt hätten.Die Erzählung ist jüdischen Ursprungs und in verschiedenen orientalischen
1 Bartsch, Md. Gedichte, Lit. Ver. 53, 1860, lers Verfasserlex. 1, 183-85 mit Lit.
S. 1-39 u. Einl. S.VIII-XIII; Martin, Anz. 8 Hgb. Lübben, Mnd. Gedichte, 1868.—
3, 108. 110. Jellinghaus, Gesch. d. mnd. Lit. 3 S. 8;
2 Hgb. Schade, Geistl. Ged. vom Nieder- Stammler, nd. Jahrb. 45, 1920, 121; Ders.,rhein S. 333-60. — O. Norrenberg, Köl- Gesch. d. nd. Lit. S. 37f. — Borchling, Nd.nisches Literaturleben S.24f.; Anz. f. Kunde Jahrb. 23, 114; Norrenberg aaO.
d. dt. Vorz. 1833 Sp. 63; L. Wolff, Stamm-