Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
Seite
405
Einzelbild herunterladen
 

Die Heiligenlegenden im einzelnen 405

entsprechend, die Heilige als fleckenloses Ideal erscheinen. Der Roman istdurchaus Legende, und die Geschichte dient nur zur Folie für die fromme Hel-din. Ihr Heroismus ist nicht der einer Märtyrin, sondern der der reinen Men-schenliebe sich hingebenden Dulderin. Der Dichter freilich ist diesem erhabe-nen Inhalt nicht gerecht geworden, sein Stil ist nicht durch besonderenSchmuck gehoben. Versbau und Reim sind glatt. 1

Die Heilige wurde 1207 als Tochter des Königs Andreas II. von Ungarn ge-boren und als Kind von dem Landgrafen Hermann von Thüringen mit seinemSohne Ludwig, dem nachherigen Landgrafen, verlobt, 1220 vermählt; Ludwigstarb schon 1227 auf der Kreuzfahrt, nach seinem Tode lebte sie in Marburg,wo sie am 17. November 1231 starb. Zum Andenken der 1235 Heiliggespro-chenen wurde in Marburg die Elisabethkirche gegründet (1236). Das Gedichtist nach 1297 geschrieben, der Verfasser 2 folgte genau seiner lateinischenQuelle, der Vita S. Elisabethae des Franziskaners Dietrich v. Apolda, diezwischen 1287 und 1297 entstand. 3 Es zerfällt in 8 Bücher, von denen aberdas erste und letzte nicht numeriert sind; 11050 V.

Hundert Jahre später, nach 1421, verwendete Johannes Rothe, Dom-herr zu Eisenach, seine bescheidenen Kräfte auf ein gereimtes St .-Elisabethen-Leben (s. unten).

Auf der Grenze zwischen Chronik und Heiligenleben steht Das Leben desheiligen Ludwig, Landgrafen von Thüringen, das Friedrich Köditz vonSaalfeld, 4 Rektor der Klosterschule zu Reinhardsbrunn, aus der zwischen1308 und 1315 verfaßten lateinischen Vita Bertholds, des Kaplans des Land-grafen, und aus Dietrichs v. Apolda Leben der heil. Elisabeth zwischen 1315und 1323 übertragen hatte; Prosa in sechs Büchern. Im ersten Buch wirdvon dem Landgrafen Hermann, Ludwigs Vater, erzählt und von der Ge-burt Ludwigs, dabei die Sage vom Wartburgkriege; im zweiten und drittenBuch wird von Ludwigs Regierung und von seiner Gemahlin, der heiligenElisabeth, berichtet, im vierten Buch von seiner Kreuzfahrt, im fünften vonseinem Tod.

Landgraf Ludwig wurde nicht von der Kirche heiliggesprochen, aber vonder öffentlichen Meinung als Märtyrer und Heiliger verehrt, und im 6. Buchwerden die Zeichen und Wunder aufgezählt, die er am Schluß des 13. Jahr-hunderts an denen vollbrachte, die ihn in Krankheiten und in Nöten anriefen.Die Geschichte endigt also wie eine Märtyrerlegende. Das vierte Buch, die

1 Sprache: Bartsch, Germ. 7, lff.; Rieger 2 Über die Verfasserfrage s.die Erlösung".

S. 27-51; Zwierzina, ZfdA.44, Reg. S.347. »Quelle: Rieger S. 53-58; Maria Oesse-

45 Reg. S. 343. Kraus, Dt. Gedichte des nich, Das mhd. Gedicht von der heil. Elisa-

12. Jh.s S. 148. Metrik: Bartsch aaO.; Rie- beth u. seine Quelle, Bonn. Diss. 1921, unge-

ger S. 11-27; Ilse Siegel, Reimuntersuchun- druckt; Maurer, ZfdPh. 56, 159.

gen zum Leben der Heil. Elisabeth, Heidelberg. 4 Hgb. Heinr. Rückert, Das Leben des

Diss. 1923, Masch.dr., Maurer, ZfdPh. 56, heil. Ludwig, Landgrafen in Thüringen, Ge-

173f.; Sievers, Beitr. 54, 308ff.; F. W. E. mahls der heil. Elisabeth, 1851. Naumann,

Roth, Das Gebetbuch der heil. Elisabeth hgb., Ad. Prosaleseb. S. 113-16.1886.