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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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402 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts

Deutschland zuerst einer Klosterfrau in einem Traumgesicht geoffenbart, indem ihr ein schöner alter Mann von der Jungfrau und Märtyrerin erzählte.In einem Martyrologium hat dann diese Nonne gefunden, daß die Heiligeihren Jahrestag am Tag der Beschneidung Christi (1. Jan.) hatte. Sie war inRom aus höchstem Adel geboren, zwanzig Martern hat sie erduldet; er selbst,der Dichter, hat nur elf kennengelernt und in Reime gebracht; schließlichnennt er seinen Namen: Huc von Langenstein, ein Bruder im DeutschenHause; im Jahr 1293 hat er das Buch vollendet. 1

Die heilige Martina wurde unter Kaiser Alexander Severus an einem1. Januar hingerichtet und ist in Rom als eine Schutzheilige der Stadt be-sonders verehrt. Die Kirche begeht ihren Gedächtnistag am 30. Januar.

Die Legende trägt den gewöhnlichen Märtyrertypus: die Jungfrau will denheidnischen Göttern nicht opfern und wird durch den Kaiser, der sie durchdie Martern zum Abfall von Gott zu zwingen sucht, zu immer grausamerenQualen verurteilt; sie wird ins Gefängnis geworfen, mit Ruten geschlagen,nackt an einen Pfosten mit eisernen Nägeln gebunden, mit Harz beschmiert,mit scharfen Schwertern geschnitten, die Glieder werden ihr zerrissen, sie wirdeinem Löwen vorgeworfen, im Feuer verbrannt, im Amphitheater den wildenTieren preisgegeben, aber immer wieder durch die Gnade Gottes gerettet.Die Wunder veranlassen viele Heiden, zum Christentum überzutreten.

Aus diesem Grundstock der Legende hat Hugo v. Langenstein ein großesErbauungsbuch mit vielseitiger religiöser Belehrung geschaffen. Die Marternwerden kurz abgetan der Dichter scheint nur eine gedrängte Quelle dafürgehabt zu haben, sie geben eigentlich nur die Veranlassung dazu, die Heiligeals ein Vorbild unerschütterlichen Gottvertrauens zu zeichnen. Weit über diepersönlichen Schicksale der Heiligen hinaus ist der Rahmen gespannt: dasGedicht ist eine christliche Heilslehre, es beginnt mit Schöpfung und Sünden-fall, demgegenüber als Gegenpol steht die Geburt Christi aus der Jungfrauund die Erlösung durch seinen Tod; dann, besonders gegen den Schluß, folgenBerichte über Antichrist, jüngstes Gericht, Auferstehung der Welt, Teufelund Engel und die Freude des Himmelreichs. Großen Raum nehmen die zwi-schenhinein verstreuten belehrenden Partien ein: aus der Bibel, aus demPhysiologus von des Menschen Natur und Gebrechlichkeit (über dritthalb-tausend Verse), von den Eheleuten, von den christlichen Tugenden in der überviertausend Verse zählenden Kleiderallegorie. Der durchziehende Grund-gedanke ist der Gegensatz zwischen der vergänglichen Welt und den ewigenFreuden des Himmels. Hugo selbst stellt sein Programm am Schlüsse auf(291,91, Keller S. 733) : 2 Das Buch redet nicht von Ritterschaft und irdischer

1 Urkundl. 1257-98. Hugos Familie war im er in der Ordensbailei Elsaß. Wacker-

Hegau, nördl. vom Bodensee, ansässig. Mit nagel aaO.; Haupt, ZfdA. 7, 169. Hugo

seinem Vater und drei Brüdern trat er um 1270 von Langenstein nicht Verfasser der Mainauer

in den deutschen Orden ein, dem sie die Insel Naturlehre, Wackernagel S. 50; anders

Mainau im Bodensee geschenkt hatten und Schirokauer, Beitr. 47, 124.

wo eine Komturei gegründet war. Später lebte 2 Schwietering, Demutsformel S. 82.