Gebete. Legenden. Legendensammlungen 379
Zeugnissen hinsichtlich des Verhältnisses von Legende zur Geschichte, vonDichtung und Wirklichkeit. Ein historischer Kern, eine wirkliche Persönlich-keit, ist wohl meistenteils der Ausgangspunkt, aber die fabulöse Ausschmük-kung umhüllt mehr oder weniger die Tatsachen mit dem Wunderbaren, wobeidie Darstellung in einer typischen Technik mit Wiederholung hergebrachterMotive verläuft. Etymologisch bedeutet Legendse, neutr. pl., das was gelesenwerden soll, kirchlich: Lesung von ausgewählten Stücken, speziell, zum fem.si. geworden, Vorlesung der Geschichte eines Heiligen beim öffentlichen Got-tesdienst oder in Klöstern.
Die früheren Legenden waren in poetischer Form abgefaßt; im 13. Jahr-hundert kam auch Prosa auf, die im 14. 15. Jahrhundert mehr und mehrzur Anwendung kam; auch wurden Verslegenden in Prosa aufgelöst. Die ge-reimten Legenden hielten Schritt mit der Verskunst der Zeit. Die früherenLegenden, bis in das 12. Jahrhundert, haben einfachere Stilart; im 13. Jahr-hundert wurde die höfische Kunst auch von Einfluß, der Geschmack ist feinergeworden, sowohl hinsichtlich der Form als des Inhalts; damit ist die Erzäh-lungskunst gewandter, die Legende ist zur geistlichen Novelle geworden. Mitdem Sinken der Kunst im 14. 15. Jahrhundert wird auch die Legendendar-stellung roher, besonders auch die geistige Auffassung. — Mit Zunahme dergeistlichen Spiele, vereinzelt schon im 13. Jahrhundert, kamen auch Legen-denstoffe auf die Bühne. Die Aufzeichnung der Legenden geschah entweder inSammlungen (Legendare) oder in einzelnen Exemplaren, demnach bestehtauch unsere Überlieferung aus Legendensammlungen, die eine Reihe vonLegenden enthalten, oder in einzelnen Denkmälern.
Weit verbreitet war die Legendensammlung „Legenda aurea" vonJacobus de Voragine, 1 1230-98, Erzbischof von Genua, verfaßt zwi-schen 1263 und etwa 1288, eine Hauptquelle der spätmittelalterlichen Legen-denliteratur.
Legendensammlungen
Zwei der umfangreichsten Legendenwerke gehören der Literatur des Deutsch-ordens an: DasPassional 2 und das Väterbuch; jenes, um 1300 gedichtet,faßt in 100000 Versen die Legendenliteratur zusammen unter den drei Ab-
menheit, Münch. Mus. 5,1928,1-105 (14. Jh.). Helm, Beitr. 43, 341-45; Schröder, ZfdA.
— Andre Jolles, Einfache Formen, 1930; 44,421; Ders., Beitr. 43, 545-48; Strauch,
Petsch, Die Lehre von den „einfachen For- ebda S. 549; Baumgartner, Archivum Fran-
men", Dt. Vjschr. 10, 1932, 335-69. ciscanum V, 1912, 210 f.; E. v. Steinmeyer,
[Des inneren Zusammenhangs wegen sollen Die historia apocrypha der legenda aurea,
im folgenden die Legenden in Reim und Prosa Münch. Mus. 3, 155-66; Wilhelm, ebda 4, 76.
des 13. 14. u. 15. Jhs. ungetrennt behan- — Die Leg. aurea wurde verdeutscht, elsäß.,
delt werden.] Hs. v. J. 1362: Birlinger, Legenda aurea,
3 Begriff der „Legende": Zopf, Das Heiligen- elsäß., Alem. 13,65-131.14,113-82; Wilhelm,
Leben S.62ff.; Merker aaO. S. 177; Du Legenden S. 135^5; Petzet, Catalogus S. 11 f.
Cange-Henschel Bd. V S. 59 f. — LG. II 1, (mit Lit.).
143. — Im folgenden werden die deutsch ab- 2 Ausg. K. A. Hahn, D. alte Passional, 1845
gefaßten Legenden zu besprechen sein. (die beiden ersten Bücher), daraus: Pfeiffer,
1 Hgb. Joh. Georg Theod. Grässe, 1846; Marienlegenden, 1846, 2. Aufl. 1862 (s. auch
übersetzt v. R. Benz, I 1917. II, 1921. — v. d. Hagen, GSA. Nr. 83 ff.); Fr. Karl