376 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts
Der Kirchengesang 1 als Bestandteil des Gottesdienstes war das ganzeMittelalter hindurch lateinisch und darum Aufgabe der Geistlichen. Schon seitalters waren die Leise, Rufe, bei Umzügen, Bittgängen, Fahrten, kriegeri-schen Märschen üblich. Ein eigentlich liturgisches Kirchenlied in deut-scher Sprache ist erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts aufgekommen, zuerstin dem Ostergesang,,Christ ist erstanden". Doch wurden schon im H.Jahrhun-dert, oder gelegentlich schon im 12. 13. Jahrhundert, von der Gemeinde inder Kirche deutsche Lieder vorgetragen. Diese aber blieben doch im wesent-lichen auf die Privatandacht beschränkt. Erst am Schlüsse des 15. Jahrhun-derts, im Jahr 1492, wurde durch Beschluß einer Provinzialsynode (Schwerin)der Schritt getan, den Geistlichen es zu überlassen, statt der herkömmlichenlateinischen Stücke nach der Messe ein deutsches Lied zu singen. 2 Sünden-klagen 3 haben in der Literatur des 13. Jahrhunderts nicht die Bedeutungwie im Frühmittelhochdeutschen (LG. II, 1, 175-84).
Mariendichtung, Marienlied'
Schon im 12. Jahrhundert sprach das fromme Gemüt in der Verehrung undLiebe der Mutter Gottes sein innigstes Erlebnis aus (LG. 11,1, 206 ff.). Diekünstlerisch wertvollen Mariendichtungen brachte das 13. Jahrhundert: Wal-thers Leich, Konrads von Würzburg Goldene Schmiede, Pseudo-GotfridsMarienpreis. In allen Dichtgattungen erscheint auch die Marienliteratur: alsEpos (Marienleben), prosaische Erzählung, Marienlied (Ave Maria, Ave prae-clara maris Stella, Salve regina, Stabat mater, Mariengrüße, Lobgesänge, mitdem Christusleiden vereinigt als Marienklage), als Mariengebet, als Marien-legende (Novelle), als Traktat, im geistlichen Schauspiel.
Aus der großen Fülle dieser Dichtungen mögen hier folgende verzeichnetwerden:
Das niederrheinische Marienlob, 5 13. Jahrhundert, gegen 5300 Verse.Der Dichter ist im Stil beeinflußt durch Gotfrids Tristan, sein Werk ist ge-tragen von Wärme und Hingebung, der Aufbau planvoll: Einleitung 1, 1-3-8,Anrufung Jesu und Mariae in vierzeiligen, einreimigen Strophen. Der Haupt-teil ist in Reimpaaren verfaßt: 3, 9-51, 30 Gleichnisse, Bezeichnungen der
1 Lit. zur Gesch. des dt. Kirchengesangs: Hymnenpoesie des MA.s, 7 Hefte, 1886-93.Koberstein l 6 , 368-75. — Goedeke, Grundr. I 2 , 238; Piper, Geistl.
2 Hoffmann S. 192-94. Dichtg. 1,293 ff.; Hübner, Reallex. 2,332-34.8 Eine solche des 13. Jh.s, bayer., 215 V., ist 5 Hgb. W. Grimm (Marienlieder), ZfdA. 10,
abgedruckt von Steinmeyer, ZfdA. 18, 137 1-142; s. Scherer, QF. 12,118; Nörrenberg,
-44. Beitr. 9, 412-21 (Heimat: Kloster Marienthal
4 Lit. Ph. Wackernagel pass.; Hoffmann a. d. Ahr); John Meier, ebda 16, 99; Köhn,
S. 60-70; Goedeke, Dt. Dichtg. im MA. 2 ZfdA. 34,40-47. — Artur Müller, D.nieder-
S. 112-56; Bethmann, ZfdA. 5, 419-21 (An- rhein.Mar.lob., Berl.Diss. 1907; Wilh.Prön-
fänge verschiedener Marienlieder); Paul Kü- necke, Studien über das niederrheinische Ma-
chenthal, Die Muttergottes in d. ad. schönen rienlob, Göttinger Diss. 1904 (mit älterer Lit.
Litteratur aaO.; A. Kober, Zur Gesch. d. dt. S. 5 f. 12 f.); Rob. Stroppel, Liturgie u. geistl.
Mariendichtg., ZfdtUnterr. 28,1914, 595-619. Dichtung, 1927, S. 167 ff. 172. — Piper, Geistl.
691-700; s. auch Anselm Salzer, Die Sinn- Dichtg. 1, 293-300.bilder u. Beiworte Mariens in d. dt. Lit. u. lat.