374 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts]
ein vollkommenes Leben, 1 um bzw. nach 1250, mittelfränkisch. Als Vor-bild wird aufgestellt die Gottesmutter Maria in ihren hohen Tugenden. DieSchrift ist hervorgegangen aus dem Cisterzienserorden und ist zunächst be-stimmt für Nonnen dieses Ordens. Es ist ein geistlicher Traktat mit kleinenErzählungen, Exempeln.
Ein beliebtes Motiv war Der Streit der vier Töchter Gottes. 2 DieQuelle ist eine Predigt des heiligen Bernhard über den Bibeltext Psalm 85,10:Gott hat den Menschen bei seiner Erschaffung ausgestattet mit vier Tugenden,Wahrheit und Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Friede; sie sind TöchterGottes. Sie bringen den Sündenfall vor das Gericht Gottes, das erste Paar istfür Bestrafung des Menschen, das zweite bittet Gott um Gnade für ihn. Christusentscheidet: der Mensch soll einen guten Tod erleiden, das ist möglich, wennein anderer freiwillig für ihn stirbt. Diese Erzählung war auch in der deutschenLiteratur des Mittelalters sehr verbreitet, oft eingeflochten in andere geistlicheDichtungen. Am geschlossensten ist die Darstellung in dem Gedicht „Sich hübvor gotes trone" 3 (2. Hälfte des 13. Jahrh., thüringisch, 485 V. Reimpaare).
Beispiel und Lehre geben will die Vorauer Novelle 4 durch die Erzählungvon zwei Jünglingen: In kindlichen Jahren in ein Kloster gegeben, befreundensich zwei Klosterbrüder, aber sie entfliehen der strengen Zucht auf eine hoheSchule, wo sie nigromancie und Zauberbücher studieren und ein üppiges Welt-leben führen. Da erkrankt der eine Genosse schwer, der andere, dadurch er-schreckt, will ihn zur Buße führen, aber jener stirbt ohne Reue und erleidetdie Höllenstrafe, der andere geht in ein Kloster und lebt in frommer Askese,die ihn zum himmlischen Tore führt. Das Gedicht, alemannisch, 13. Jahrhun-dert, 649 Verse, ist eine Bearbeitung der ersten der beiden Reuner Rela-tionen (zwei lateinische Prosanovellen). 5
1 Hgb. Rob. Priebsch, Die heil. Reg. f. e. Gottes Zukunft, Seemüller, Gesch. d. Stadtvollk. Leben, eineCisterzienserarbeit des XIII. Wien III 1. Hälfte, 1904, S. 15, s. HeinzelJh.s, Dt.Texted. MA.s 16,1909, dazu Strauch aaO. S. 45; mehrfach in geistlichen Spielen.—GgA. 173, 757-61, K. Rieder, Anz. 34, 261 Priebsch, Prosaauflösung von „Sich hüb vor-64, Behaghel, Lbl. 1910 Sp.3 f.; Strauch, gotes tröne", ZfdPh. 35, 364-68; Stammlers .Germania Festschr. Sievers 1925, 542 f. — Verfasserlex. 1, 511. — Siehe auch das lateinNaumann, Ad. Prosaleseb. S. 69-77. Gedicht: „Scheirer Rhythmus von der Erlö
2 Lit. Piper, Geistl. Dichtg. des MA.s 1, 239 sung", Aug. Hartmann, ZfdA. 23, 173-89f.; Heinzel, ZfdA. 17, 43-51; Scherer, ebda Burdach, Die Schlußscene in Goethes Faust21, 414-16; Joh. Franck, ZfdA. 24, 389; SB. d. Preuß. Akad. 1931, 592 ff. — Lit. sSchröder, ebda 25, 128; Herm. Jantzen, auch ob. Bartsch, Erlösung.
Gesch. des dt. Streitgedichtes im MA., 1896, 3 Bartsch, Erlösung S.IX-XXII; s. Mou-
S.57 f.; Fr. Wilh. Strothmann, D. Gerichts- rek, SB. d. böhm. Ges. der Wiss. 1890,410 ff.
verhandig. als literarisches Motiv in d. dt. Lit. (Hs., abgedr.).
des ausgehenden MA.s, 1930, 45-58; H. Wal- 4 Schönbach, Wien. SB. 140, IV, 1899, dazu
ther, D. Streitgedicht in d. lat. Lit. des MA.s Helm, Lbl. 1899, 367-69.
S. 85 ff. 190 (s. auch ZfdA. 23, 176 ff. 221 ff.); 6 Schönbach, Wiener SB. 139, V, 1898. —
Helene Luther, Von Gottes Barmherzigkeit, Hs. aus dem steiermärkischen Stifte Reun.
Frankf. Diss. 1924. Masch.dr. — Das Motiv Die zweite Novelle, De juvene regio a socio
ist auch behandelt im Anegenge, s. Schröder occiso: Ein Königssohn macht eine Pilgerfahrt
S. 55-57 (LG. II 1, 58-62); in der Erlösung ins Heil. Land. Unterwegs trifft er einen andern
(Bartschs Ausg. V. 521 ff.); in der „Minne- Pilger, sie schließen Genossenschaft, aber im
rede", Heinzel, ZfdA. 17, 12-43, vgl. auch Gebirge stürzt ihn dieser aus Habsucht nach
Kurt Matthaei, D. weltl. Klösterlein, 1907, seinem Gute in den Abgrund.S. 14 f. (siehe oben); in Heinrich v. Neustadt