Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
Seite
372
Einzelbild herunterladen
 

372 Die geistliche Dichtung des 13. Jahrhunderts

umfassende Auslegung des Vaterunsers, angeordnet nach der Reihenfolge derBitten. Der Umfang der weitläufigen Erklärung ist noch angeschwellt durchEinflechtung von gelehrten Erörterungen über die Edelsteine (1312-1798, beimWaisen wird Herzog Ernst zitiert V. 1334 ff. [vgl. LG. II, 38. 44. 45. 57]),bei Tieren (nach dem Physiologus) wird besonders über die List der Schlange(4159^321) und über die Turteltaube (4322^489) gesprochen; außerdem man-cherlei allegorische Auslegungen.

Der Dichter gibt selbst Auskunft über sich: er ist genannt Heinrich vonKrolewiz üz Missen lant (V. 4000 ff., s. auch V. 4562) und dichtete diz merein drei Jahren 1252-55 (V. 4755^786). Sein Geburtsort ist Kröllwitz an derSaale bei Halle (Cröllwitz bei Merseburg: Thümmler S. 18 ff.). Er war wohlGeistlicher, denn er benutzte lateinische Quellen. 1 Der Stil des Gedichtesist schwerfällig und weitschweifig (4889 V.). Die Abschnitte schließen drei-reimig. Die Sprache ist mitteldeutsch. 2

Der Kampf der Tugenden und Laster war im Mittelalter seit der Psycho-machie des Prudentius (etwa 348-410) ein beliebtes Thema, in der mittel-lateinischen Literaturconflictus virtutum ac vitiorum". Auch im Mittel-hochdeutschen liegt es mehreren Dichtungen zugrunde: 3

Der Sünden Widerstreit, 4 von einem thüringischen Dichter in der zwei-ten Hälfte des 13. Jahrhunderts verfaßt (3524 V.), ist eine geistliche Allegorie,eine Personifizierung der Laster und Tugenden. Die Sünde nimmt immer mehrüberhand und sendet ihre Boten, die Untugenden, in die Lande und zieht mitihrem Heere ein. Wer Gott liebt, muß ein Gottes Ritter sein und gegen dieSünde streiten 436ff. Von dieser süßen Ritterschaft will der Dichter reden,503 ff. (die gotliche, die gute Ritterschaft 2516 ff.). 5 Vermöge der Tugenden,dem Heer der Minne, kann ein solcher Streiter den Kampf gegen die Lasteraufnehmen, und bald hat die Sünde ihre besten Kämpfer verloren. Die neueRitterschaft (3466), die gegen die groß gewordene Sünde kämpft, ist gleichsam

Curt Thümmler, Leipz. Diss. 1897. - Stellen: f. Religionswissensch. 10, 1907, S. 468.Haupt, ZfdA.7, 263; H. Lichtenberg, D. 4 Hgb. Victor Zeidler, Der Sünden Wider-Architekturdarstellungen in d. mhd. Dichtg., streit, e. geistl. Dichtung des 13. Jh.s, 1892,1931, S. 21-24.2 Hss. 3 Bruchst.: Lisch dazu Wunderlich, ZfdPh. 26, 415-17,S. 1-6. Goedeke, Grundr. I 2 , 130; Thümm- Strauch, Anz. 23, 272-80, Schröder, DLz.ler aaO. S. 5-17; Ad. Hofmeister, Hein- 1892, 497; Zacher, ZfdA. 13, 329-32 (Bruch-richs v. Krolewitz Vaterunser niederdeutsch, stück). Abhandl.: Gervinus, Gesch. d. dt.Nd. Jahrb. 17, 1892, 84-88 (Fragmente einer Dichtg. II B , 1871, 302 f.; Raab, Üb. vierRostocker Hs.). allegor. Motive aaO. S. 33 f.; Petersen aaO.

1 Thümmler aaO. S. 29-76. S. 113; Helm, Zs. f. dt. Unterricht 30, 1916,

2 Lisch S. 9-22; R. Bechstein, Germ. 8, 303 f.; Ziesemer, Lit. d. Dt. Ordens in Preu-355-62; Zwierzina, Anz. 26 Reg. S.350. 27 Ben, 1928, 49; Schröder, Gott. NachrichtenReg. S. 347. 193 S.4ff. Sprache: C. Kraus, Dt. Ge-

3 Siehe bes. Karl Raab, Üb. vier allegori- dichte d. 11. u. 12. Jh.s S. 148; Zwierzina,sehe Motive in d. lat. u. dt. Lit. d. MA.s, Progr. Festg. f. Luick 1925, S. 134 f.

Leoben 1885, 25 ff.; Seemüller, Seifried 5 Der miles christianus und seine Rüstung

Helbling S. 364-66; Petersen, D. Rittertum stammt aus Epheser VI, 11-17. (Das gleiche

in d. Darstellung des Johannes Rothe, QF. Motiv im Wälschen Gast 7419 ff.) Kleidung auf

106, 1909, 113; von der Leyen und Spamer, Tugenden gedeutet weltlich (Kleiderallegorie):

Die ad. Wandteppiche vom Regensburger Rat- Herbort v. Fritzlar 3131 ff., Gotfrids Tristan

hause, 1910, S. 33 ff.; Marie Gothein, Arch. 4561 ff., jung. Titurel 5497 ff.; Petersen aaO.