Biblische Dichtung 359
bezeichnet (10654), dieser, das jüngste Gericht und die letzten Dinge erörtert.Von 12458 bis zum Schluß 12719 folgen persönliche Bemerkungen und Gebet.— Im Mittelpunkt des auslegenden Teils steht das mystische Motiv von Gottund der mannenden Seele, in dem die ganze christliche Lehre als Heilsweg(s. bes. die fünfzehn Grade des Aufstiegs zum himmlischen Jerusalem, derSeligkeit, V. 12125-12406) begründet ist. Eingeschaltet sind wissenschaft-liche Exkurse: von den sieben Planeten (1406-67), von den zwölf Edelstei-nen (1382-1819), von den fünf Fingern (3715-62), wie denn der Dichter gernmit seinem Wissen hervortritt, auch das klassische Altertum herbeizieht undden Text mit lateinischen Prosasätzen ausstattet. Er hat es auf Belehrungabgesehen, darum ist der stilistische Ausdruck meist nüchtern, redselig undweitschweifig. Noch am Schluß hält er eine belehrende Rede über das Schluß-wort „Amen" 12634-709.
Brun von Schonebecke nennt seinen Namen in der Einleitung V. 31; die„rede 11 (den Inhalt seines Werkes) hat ihm Heinrich von Huxere (Höxter),Prediger und Lesemeister in Magdeburg (V. 12458) gegeben, 1 zu Ende ge-kommen ist er 1276 (V. 12533).
Über die Person des Dichters berichtet die Magdeburger Schöppenchronik(14. Jahrhundert) 2 zu den Jahren 1280-83: er war Konstabel, einer jenerBürger aus angesehenen Familien, die die öffentlichen Schauspiele zu leitenhatten. Auf Bitten seiner Genossen machte er einen „Gral" (ein ritterlichesFestspiel mit Tanz und Turnier) und sandte höfische Briefe an niederdeutscheStädte, in denen die Kaufleute, die Ritterschaft üben wollten, eingeladenwurden. Er war ein gelehrter Mann und machte viele gute Gedichte, wie Can-tica canticorum (also unser Hohes Lied), ein Ave Maria und andere.
Außer dem Hohen Lied hat Brun noch ein großes Werk, Ave Maria, 3 ver-faßt, das in einem ziemlich umfassenden Bruchstück noch erhalten ist undwozu auch Fragmente einer Theophilus-Legende und einer geistlichen Dich-tung Van der almissen (Almosen, 216 Verse) gehören. Nur bruchstückweisesind kürzere geistliche Gedichte erhalten: über die Minne (137 V.), Messe(116 Verse), Seligpreisungen (551 V.), Leib und Seele (145 V.). Einige ganzkurze Stücke haben teils geistlichen, teils weltlichen Inhalt. 4
Das Gesamturteil über den Dichter und sein Werk kann nicht günstig lau-ten ; er hat keine poetische Begabung, die Vortragsweise ist kunstlos und lang-weilig, doch bricht an einzelnen Stellen warme Empfindung durch. Versbauund Reim handhabt er ungeschickt, ohne Sinn für Form. 5
1 Eine einheitliche lateinische Vorlage hat Wolff, D. Magdeburger Gralfest aaO.
der Dichter nicht gehabt, er hat aus verschie- 3 A. Bauers, Zur Frage nach d. Quellen der
denen theologischen Quellen geschöpft, Fi- „Ave Maria" Bruns v. Schönebeck, Nd. Korr-
scher, Germ. Abh. S. 95-99. bl. 45, 1932, H. 1/2, Festschr. Borchling.
2 Abgedruckt:v.d.HAGENsGerm.4,121f.;Fi- 4 Fischer, Ausg. 8-10. 381-87; Breucker,
scher, Ausg. S. VII u. Germ. Abh. aaO. S. 1; Nd. Jahrb. aaO.; Nordlind aaO.; Plenzat
Stammler, Mnd. Leseb., 1921, 25 u. Anm. aaO.
S. 135. — Über den „Gral", Gralspiel s. Gol- 5 Sprache: Fischer, Ausg. S. XXIV-LV u.
ther, Parzival u. der Gral, 1925, 259-66; L. Germ. Abhandl. aaO. S. 17-67; Roethe,