VI. DIE GEISTLICHE LITERATURDES 13. JAHRHUNDERTS
A. DIE GEISTLICHE DICHTUNG
In der Literaturgeschichte des 13. Jahrhunderts überragt die ritterlicheDichtung die geistliche an künstlerischer und allgemein kultureller Bedeutung(LG. II, 2, 24-27). 1 Im 14. Jahrhundert, nachdem der Glanz des höfischenLebens verblichen war, nahm das geistliche Schrifttum wieder eine bevorrech-tigte Stellung ein, entsprechend dem verwandelten Zeitgeist, der nun durchdie bürgerlich-realistische Gesinnung geleitet wurde.
Biblische Dichtung
Das Alte Testament wurde als Teil der Weltgeschichte angesehen undfiel deshalb in das Gebiet der Weltchroniken (s. ob. Rud. v. Ems); selten sindim 13. Jahrhundert poetische Bearbeitungen einzelner Stücke des Alten Testa-ments. So sind Bruchstücke einer gereimten Bibelübersetzung aus der Ge-schichte Davids und dem Buch Judith (Holofernes) erhalten (Original wohl13. Jahrhundert), die nicht zu einer Weltchronik gehört zu haben scheinen(W. Gemoll, Germ. 19, 339^13). Ein Gedicht Hester, mit dem derVerfasser des Passionais sich auch zum Alten Testament gewendet hat,2010 Verse (Karl Schröder, Bartschs Germ. Stud. 1, 247-315); Ein SegenJakobs in Versen (K. Schröder aaO. S. 291-5), eine Erneuerung des betref-fenden Stücks der frühmittelhochdeutschen Genesis (LG. II, 1, 78 ff.). Alt-testamentliche Stoffe in der Deutschordensdichtung s. unten. Für die Litera-turgeschichte wichtiger sind die selbständigen Dichtungen geistlichen Inhalts,zuvörderst die epischen. Nur wenige derselben beruhen auf dem Alten Testa-ment. Das jammervolle Schicksal der Eltern des Menschengeschlechtes, dasfür die ganze Menschheit die unheilvoll entscheidende Wendung brachte, er-regte besondere Teilnahme. So entstand die auch wegen ihrer rührendenStimmung dem Volke zusagende LegendevonAdamundEva, das Adam-buch : die lateinische Legende Vita Adae et Evae (3 .JA. Jahrhundert, die Sageist wahrscheinlich hebräisch, vorchristlichen Ursprungs), die im Abendlandeweit verbreitet war, auch in den Landessprachen. Das Leben der beiden ausdem Paradiese Verstoßenen erreicht hier manchmal erschütternde Tragik, unddas Ganze ist reich an Klagen. Nach dieser lateinischen Legende arbeiteteLutwin sein geistliches Epos Adam und Eva (3942 Verse). 2 Er nennt seinenNamen Vers 59 und 1253 und war, aus den Reimen zu schließen, Österreicher;
1 Hübner, Reallex. 1, 420-26; Castle, ebda Gesch. d. Stadt Wien III. Bd. I. Hälfte, 1907,2, 579 f. 582 f. S. 9; A. C. Dunstan, The Middle High German
2 Ausg.: Konr. Hofmann u. Wilh. Meyer „Adam and Eva" by Lutwin and the Latinaus Speyer, Lit.Ver. 153, 1881 (Textkritik „Vita Adae et Evae", The Mod. Lang. Rev.Münch. SB. 1880 S. 598-616), dazu Stein- 24, 191-99. — Haupt, ZfdA. 15, 265; Kelle,meyer, Anz. 8, 222-30, Sprenger, Lbl. 1881, Gesch. d. dt. Litt. 2,1896,151 u. 355. — Piper,259. — Bartsch, ADB. 19, 21; Seemüller, Geistl. Dichtg. 2, 44.