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Didaktische Kleindichtung
Quodlibet. „Klopf an"
Haben die Lügendichtungen den Reiz der Überraschung, der Behauptung„unmöglicher Dinge", so ist beim Quodlibet 1 die Phantasie viel wenigerin Bewegung gesetzt; die Wirkung liegt nur in der „Zusammenhäufung un-verbundener, unvermittelter Einzelheiten", es ist ein Gemisch, ein Allerlei(Wackernagel, ZfdA. 3, 40). In dieser Form gehört das Quodlibet auch zu-sammen mit vielen „Reimreden".
Es war alte Sitte, daß am Neujahr „Leute verschiedenen Geschlechtes,Alters und Standes" an die Türe klopften und ihre guten Wünsche vorbrach-ten. Solche in gereimte Spruchform gefaßten Neujahrswünsche nannte man„Klopfan", nach dem Anfangsworte, z. B. Klopf an ! klopf an ! Ein säligsneus jar ge dich an\ Als literarische Gattung gehört der „Klopfan" erst dem15. Jahrhundert an und wurde hauptsächlich von Hans Rosenplüt und HansFolz geübt (s. unten). 2 — Die gereimten Neujahrswünsche im Liederbuch derHätzlerin S. 196-201 sind an die Geliebte gerichtet; es sind Glückwünscheund Liebesversicherungen, Liebesgedichte, mehr dem Liebesbrief verwandt,keine „Klopfan". 3
1 Uhland 3,231; Wackernagel, LG. I 2 , 153Anm. 37. 331 Anm. 21; Zacher, ZfdA. 1, 251;Euling, Das Priamel S.29ff.; Ehrismann,Anz. 25, 164 ff. — Das Quodlibet in Wacker-nagels LB. 5 Sp. 1155-60 (146 V.; = Lass-berg LS. 3, 559-64, s. auch Schaus, ZfdA.42,101; Schröder, Anz. 50, 214) bringt unterganz gleichgültiger Rednerei auch Erfahrungs-sätze, Moralsprüche. — In dem von Euling,ZfdPh. 22, 312-317 (s. auch Uhl, Die dt.Priamel S. 280) veröffentlichten Quodlibet {ditzhaist ain geplerr) sind Sprichwörter und sprich-wörtliche Redensarten eingestreut. — Der vonWackernagel ZfdA. 3, 40 f. abgedruckte„Cento" (20 V.) ist ganz sinnlos. — Wegender Form, die in,,Aufzählung" besteht, kommthier auch bes. die Priamel in Betracht (s.Wilh. Uhl, Die deutsche Priamel, ihre Ent-stehung u. Ausbildung, 1897; Karl Euling,Das Priamel bis Hans Rosenplüt, Germ. Ab-handl. 25, 1905; Adelbert v. Keller, Altegute Schwanke, 2. Aufl. 1876).
Eine besondere Form, Kettenreim, hat dasMischmaschgedicht in Wackernagels LB. 5Sp. 1147-1150 („Kettenreime der Kinder",52 V. = Graff, Diutiska 1, 314 f.; Keller,
Alte gute Schwanke S. 57.58; J. V. Zingerle,D. dt. Kinderspiel im MA., 2. Aufl. 1873,61-63; Wackernagel, LG. I 2 , 331 Anm. 2;Bartsch, Germ. 25, 335-39; Uhl, PriamelS. 281): je 2 Zeilen gehören zusammen, in derersten wird ein analytisches Urteil aufgestellt,in der nächsten wird der Satz grammatischumgedreht, das Subjekt wird zum Prädikat,dabei ist eines der beiden Urteile, oder sindbeide unvollkommen, z. B. ein wider ist einschäf, ein schäf ist ein wider, oder: ein stückeist ein fleisch unde ein fleisch ist ein stücke(s. auch MSD. II 3 , 310).
2 Lit. Wackernagel, LG. I 2 , 347 Anm. 231;Schade, Weimarer Jahrbuch 2, 75-147.
3 Anhangsweise sei hier das von J. Grimm,ZfdA. 8, 542-44 veröffentlichte Gedicht „Inwelchem Zeichen man Freunde kiesen solle"(49 V.) erwähnt: es werden Ratschläge gegebender Reihe nach für jeden Monat, ob derselbegünstig oder ungünstig sei für die Wahl einesFreundes. — Eine prosaische Spruchfolge gibtfür jeden Monat kurz in je einer Zeile an, wasman in dem betreffenden Monat essen soll(Schönbach, ZfdA. 20, 180-4).