Die Lügendichtung 355
Lösung, die Lügengeschichte (lüge,lügene) ist an sich unmöglich, widersinnig,und der Reiz besteht in der überraschenden Phantastik, die solche närrischenErfindungen unbedenklich als Tatsachen wiedergibt.
Die einfachste Form ist die Lügenstrophe. 1 „Ein toller Einfall wirdunvermittelt an den andern gereiht." Die Form ist gleich der des Trouge-mundsliedes, eine in sich abgeschlossene Vorstellung folgt satzweise aufdie andere.
Etwas ausgedehnter sind die sogenannten Lügenmärchen, habenaber dieselbe Form: Aneinanderreihung unsinniger oder unzusammen-hängender Behauptungen. 2 Sie gehören dem 13./14. Jahrhundert an undwaren auch später noch im Gange. Mit größerem Rechte kann man diezusammenhängenden Lügenerzählungen, die eine erlogene Geschichtein epischer Form enthalten, „Lügenmärchen" nennen. Die älteste Lügen-erzählung dieser Art in der deutschen Literatur ist der Modus florum(LG. I, 355f.), den der Dichter selbst als Mendosam quam cantilenam agousw. einführt, um bei den Hörern Lachen zu erregen. Eine solche Lügen-erzählung ist auch „Weiggers Lügen" (lateinisch, überschrieben Lugin;und kürzer deutsch, überschrieben Aliud mendacium, Martin, ZfdA. 13,578 f. [„Weigger, der Vorgänger Münchhausens"]). Der Gipfel der Toll-heit ist erreicht in dem Wachtelmaere; die Erfindungen sind hier er-staunlich, das verknüpfende epische Band ist die Schilderung eines fabel-haften Landes Gugelmiure (Kurrel murre) ; hinter allem Unsinn liegt dasLeben der Zeit (14. Jahrhundert). 3 Damit ist der Schritt zum Lügenliedvom Schlauraffenland getan, 4 das ganz ähnlich von einem wunderlichenland erzählt (Uhlands Volkslieder Nr.241 S. 632ff.). Von dem, was wirheute unter „Schlaraffenland" 5 verstehen, einem glücklichen Lande der Faul-heit, handelt zuerst „Ein hubscher spruch vom schlauraffen lanndt" (167Verse), nach Seb. Brants Narrenschiff (1494) erschienen; 6 dann folgtenSchwanke des Hans Sachs usw.
1 Lügenstrophen bei Spruchdichtern, bei 3 Ausg. Massmann, Denkmäler deutscherReinmar v. Zweter: Roethe S. 248-50; beim Sprache u. Lit. 1, 1828, 105-12; Wacker-Marner: Strauchs Ausg. VI, 2.3 S. 89. XI, 3 nagel, LB. 6 Sp. 1149-56. — Uhland 3,S.97. XIV, 12 S. 110; Kolmarer Liederhs. 228-31. 329 ff.
(ed. Bartsch) Nr. XCVI (äventiure), CXLII 4 Zu slür m. das Herumstreifen, Faullenzen,
(äv.), s. auch XXII. LXXVII (lügene). persönl.: eine träge Person, Faullenzer, ähnl.
2 Uhland 3, 223 ff. 324 ff.; Wackernagel, slüderer m. einer, der nachlässig arbeitet.ZfdA. 2, 560-69. 3, 40 f.; Pfeiffer, Ad. 5 Johannes Poeschel, D. Märchen vomÜbungsb. Nr. XVII S. 153 f. (Lügenpredigt); Schlaraffenlande, Beitr. 5,389^127, bes. S.415Hoffmann v. Fallersleben, Ad. Blätter 1, ff. — Hoffmann, Ad. Blätter 1, 163-73;163-73 (I So ist diz von lügenen); Lassberg, Wackernagel, ZfdA. 2, 564-69 (v. J. 1611);LS. 2, 383-88; Keller, Fastnachtspiele I, J. Grimm, Kl. Sehr. 3, 78 Anm.2. „Das Mär-91-96; Ders., Erzählungen aus ad. Hss. S. 487 chen vom Schlauraffenland", Grimms Mär--89. 490-94; Primisser, Suchenwirt Nr. 45 chen Nr. 158, ist kein Schlauraffenmärchen,S. 148 f. (Ein red von hübscher lug); Uhland, sondern das Lügenmärchen = Ad. Blätter 1,Volkslieder Nr. 4 S. 14-17 (Eitle Dinge) u. 163 ff. (s. oben).
Schriften 4, 12 f., Volkslieder Nr. 240. 241 8 Zarncke, Narrenschiff S. CXXII f. 104-06.S. 629-36 (Lügenlieder). — Koberstein l 6 , 455-59.430 Anm.71.
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