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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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354 Didaktische Kleindichtung

Strophen ein mit poetischer Phantasie geschmücktes Selbstbildnis ent-worfen.

Der Stil ist bedingt durch den Inhalt: eine Aneinanderreihung von lautereinzeiligen Sätzen. Die Verse, vierhebig ohne Unterschied ob stumpf oderklingend, sind frei gebaut, darunter auch mehrere assonierend, einige reimlos.Der ganze Ton ist volksmäßig.

Ganz anderer Art als das Trougemundslied, das aus einzelnen, auf volks-tümlicher Denkweise beruhenden Fragen und Antworten besteht, ist dasRätselspiel des Wartburgkrieges, eine epische Abart, und die zehnRätsel breiten eine tiefsinnige, theologische und kosmologische Gelehrsamkeitaus (118zehnzeilige Strophen, Simrocks Ausg. des Wartburgkrieges [s. unten]S.52-143). 1 Ausführlicher als die volkstümlichen Rätselfragen sind auchdie Rätsel der Spruchdichter, 2 die immer eine ganze Strophe einnehmen.

Die eigentliche und einfache Form des Rätsels liegt, wie im Trougemunds-liede, darin, daß eine Person eine Frage über irgendeine Vorstellung aufgibt,die eine andere Person beantworten (erraten) soll:rat, rat, was ist das?"Eine Abweichung, Erweiterung dieser Grundform, ist es, wenn eine Antwortnicht geheischt wird. Noch weiter ab steht die rätselhafte Verhüllung: einemerkwürdige Vorstellung, ein seltsames Ereignis wird vorgebracht, das nurverstanden werden kann, wenn man den Sinn kennt. Der Art sind mancheRätsel der Spruchdichter, und so auch dieRätsel" im Freidank (19, 7 ff.,109, 8 ff.). 3

Dem bürgerlich volkstümlichen Sinne des 14./15. Jahrhunderts ent-sprach das Rätsel, und in Handschriften jener Zeit sind eine ziemliche Anzahlgereimter, aber noch mehr prosaischer Rätsel überliefert.*

Auch der Lotterspruch verlangt ein Erraten. 5

Weidsprüche der Jäger, gegenseitige Fragen über die Jägerei, reihen sichhier an, weil oft darin auch Rätselfragen gestellt und beantwortet werden. 6Sie gehören wohl erst dem 15. Jahrhundert u.ff. an.

Die Lügendichtung

Der Rätseldichtung ist die Lügendichtung 7 verwandt, beiden gemein-sam ist das Gefallen am Seltsamen, Überraschenden; das Rätsel aber verlangt

1 Es sindkeine wirklichen Rätsel mehr, son- würdigen Gesinnung. MSD. II 3 , 310-12;dem Gleichnisse", Loewenthal aaO. S. 51. Uhland, Schriften 3, 231. 335.

2 Roethe, Reinmar S. 150 ff.; Loewenthal 6 J. Grimm, Ad. Wälder 3, 97 ff.; UhlandS. 51-122; Wallner, Beitr. 44, 110-17. 3, 200-02. 302; Reinh. Köhler, Weimarer

3 W. Grimm, Freidank 1 S.CXXII; Loewen- Jahrbuch 3, 329 ff. u. Kl. Sehr. 3, 452-99;

thal S. 105 f. Weidsprüche u. Jägerschreies. J. M.Wagners

4 Lit. bei Wackernagel, LG. I 2 , 344 Anm. 5; Archiv S. 133-60; MSD. II 3 , 308; Uhl, Die

GoEDEKE,Grundr.l 2 ,304f.;LoEWENTHALpass. deutsche Priamel, 1897, 277-79.

6 Gaukler, Landfahrer zogen mit dem loter- 7 Uhland 3, 223 ff. 324 ff.; Wackernagel,

holz umher. Sie geben es einer Person zwischen LG. 1 2 ,282 (Lit.). 328 Anm. 30; Karl Müller-

beide Hände und wetten mit dieser, ob es Fraureuth, D. deutschen Lügendichtungen

herabgehe oder nicht, in jedem Fall hat der bis auf Münchhausen, 1881; Pfeiffer, Ad.

andere verloren. Der einzig erhaltene Lotter- Uebungsb. S. 153 f.; MSD. II 3 , 305; Uhl, Die

Spruch (noch aus dem Ende des 12. Jhs.?) deutsche Priamel S. 280 ff.; Euling, Das Pri-

besteht aus ein Paar Sätzen allgemeinen In- amel bis Hans Rosenplüt S.35; Schröder,

halts, die zum Schluß verbrämt sind mit einer Anz. 50, 214.