352 Didaktische Kleindichtung
Absicht wird noch dadurch unterstützt, daß an den Text der meisten Kapiteleine oft recht umfangreiche prosaische Auslegung, Glosse (eyne körte vthleg-ginge, in der Vorrede), angefügt ist (ebenfalls schon von Hinrek van Alckmar),so daß der Verstext mit Prosa abwechselt. Die ursprüngliche Glosse ist vonkatholischem Standpunkt aus geschrieben, und diese sogenannte „katholischeGlosse" ist in den Ausgaben von 1498 und 1517 noch enthalten, dann aberwurde sie, von der Ausgabe 1539 an, in protestantischem Sinne umgearbeitet(„protestantische Glosse").
Das Gedicht steht durchaus unter sozialer Auffassung der menschlichenVerhältnisse; das ist in der zweiten Vorrede ausgesprochen: um das Buch zuverstehen, muß der Leser sich merken, daß die Menschen, beziehungsweise hierdie Tiere, in vier Stände geteilt sind: 1. Arbeiter und Bauern; 2. Bürger undKaufleute; 3. die Geistlichen; 4. die Fürsten, Adel, Ritter und Schildknechte;über allen steht als Oberhaupt der König; so handelt das Buch von einemFürsten und seinem Hofe. In dieser sozialen Einstellung, die in dem mittel-hochdeutschen Reinhart Fuchs gar nicht betont ist, liegt der große Unter-schied der Lebensauffassung der höfisch-ritterlichen Kultur des 12./13. Jahr-hunderts von der bürgerlichen, die hundert Jahre später zur Vorherrschaftgelangt. Es ist der gleiche Schritt vom Rittertum zum Bürgertum wie von derLehrdichtung zur Zeit Thomasins zum Renner: dort eine Erziehung zur feinenhöfischen Standesbildung, hier eine Satire auf alle Stände; ein Abwelken vonder Sommerblüte zum Herbst.
Das Rätsel
Verwandt mit bispel und Parabel ist das Rätsel. 1
Es ist, noch unmittelbarer als jene, „auf Deutung berechnet" (Scherer,Dt. Stud. aaO.). Ein besonderer Reiz liegt in ihm durch das Überraschendeder Fragestellung und durch die Spannung auf die lösende Antwort.
Zur althochdeutschen Zeit sind nur Rätsel in lateinischer Sprache (Prosa) auf-gezeichnet worden, in der mittelhochdeutschen Literatur ist das Rätsel zu einerliterarischen Gattung geworden, teils als Rätselspruch, teils als Rätselgedicht.Das umfangreichste Rätselgedicht istdasTrougemundslied (etwa 90 Verse) , 2
1 Lit.: Uhland, Schriften3,181 ff.; Wacker- rätsei S. 199-278); R.Wossidlo, Mecklen-
nagel, ZfdA. 3, 25-34; Hoffmann v. Fal- burgische Volksüberlieferungen I, 1897; Rob.
lersleben, Die älteste Rätselsammlung, Petsch, Stud. üb. d. Volksrätsel, Würzbg.
Weimarer Jahrbuch II, 1855, 231-235; Wil- Diss. 1898 u. Pal. H. 4; Erk-Böhme, Deut-
manns, ZfdA. 20, 250ff.; Scherer, Dt. Stu- scher Liederhort S.6ff.; Uhl, Die deutsche
dien I 2 , Wien 1891, 54 (mit älterer Lit.); Priamel, 1897, 276ff.; Bolte-Poli'vka 2,
Weinhold, Die deutschen Frauen in dem MA. 349-373. — Uhland, Volkslieder Nr. 2. 3
II 2 , 1882, 129 ff. — MSD. II 3 , 305-312; Kö- S.7-13 u. Schriften 4, 6-12 (Kranzsingen);
gel, LG. I, 2 S. 165-171, Grundr. 2 S.45f. H.Naumann, Stetitpuella, Beitr.42,163-167
(zur ahd. Lit.); Ehrismann, Lit.-Gesch. I, u. Primitive Gemeinschaftskultur 1921 S. 138
55 f. 374 f. (ahd.); 2. Aufl. S. 55 f. 384-86; -147; Stammler, Ein Rätsel als Blattfüllsel,
Fritz Loewenthal, Stud. zum germ. Rät- ZfdPh. 54, 377.
sei, 1914. — Simrock, D. dt. Räthselbuch, 2 Ausg.: Br. Grimm, Ad. Wälder 2, 1815,
Frankf. a. M., gedruckt in diesem Jahr; E. 8-30; Uhland, Volkslieder Nr. 1; MSD. I 3
L. Rochholz, Alemannisches Kinderlied u. Nr. 48 S. 192-195 u. II 2 , 305-312 (daselbst
Kinderspiel aus d. Schweiz, 1857 (Kinder- ältere Ausgaben S. 305). Abhandl.: Uhland,