350 Didaktische Kleindichtung
Inhalt. Der Kern des Tierepos ist die Feindschaft zwischen Fuchs und Wolf. Der Aufbau istklar. 1 Er zerfällt in drei Teile. I. V. 11-384 — Der betrogene Betrüger — ist gleichsam das Vor-spiel. Es enthält vier Abenteuer Reinharts mit kleineren Tieren, die er zu prellen sucht, wobei eraber schließlich selbst hereinfällt: 1. R. u. der Hahn Schantecler, V. 11-176. — 2. R. und dieMeise, V. 177-216. — 3. R. und der Rabe Diezelin, V. 217-312. — 4. R. und der Kater Diepreht,V. 313-384.
II. Reinhart als erfolgreicher Betrüger. Die zwischen Reinhart und isengrin sich abspielendenAbenteuer, V. 385-1238. 1. Der ungetreue Hauswart. R. und isengrin schließen Gevatterschaft,Is. zieht auf Beute aus und empfiehlt R. seine Frau Hersant zur Hut; dieser sucht sie zu ver-führen, V. 385^148. — 2. Das Bachen- (Schinken-) Abenteuer, V. 449-504. In den folgendenSzenen verlockt R. jeweils den Is. zu gefährlichen Streichen, wobei dieser den Schaden davon-trägt, während R. sich herauszieht.— 3. Die Zecherei im Mönchshof, V. 505-550. — 4. R. und derEsel Baldewin; Lücke, V. 551-562. — 5. Der mißlungene Fischfang, V. 563-822. — 6. DasBrunnenabenteuer, V. 823-1061. — 7. Auf den Rat des Luchses wird wegen der Fehde zwischenR. und Is. ein Gerichtstag der Tiere angesagt, der aber scheitert, da R. davonläuft. Dann verge-waltigt er die Hersant, V. 1062-1238.
III. Die Krankheit des Löwen, V. 1239-2248. — 1. Vrevel der Löwe, König der Tiere, ist krank,da ihm eine Ameise ins Ohr gekrochen ist. Er gebietet einen Hoftag. Is. klagt gegen R. 1239-1510.— 2. Die Heilung des Löwen und Schluß, V. 1511-2248. Der König sendet nacheinander dreiBoten nach R., Brun (Bär), V. 1511-1646, Diepreht (Kater), V. 1647-1759, Krimel (Dachs)V. 1760-1834, diesem folgt R. an den Hof, dort erscheint er als Arzt und heilt den König. Erverordnet eine Schwitzkur, dazu wird zur Umhüllung auf seinen Befehl dem Bären, dem Wolfund dem Kater das Fell abgezogen. Dann kriecht die Ameise aus dem Ohr. Noch andere seinerFeinde bringt R. in Schaden. Seinen Freunden verschafft er hohe Reichsstellen: der Elephantwird mit der Krone Böhmens belehnt, das Kamel wird Äbtissin in Erstein im Elsaß. SeineSchandtaten krönt er durch den größten der Frevel: er vergiftet den König.
In dieser Tierwelt entwirft er mit satirischer Tendenz das Bild einesStaates. Die Tiere sind maskierte Menschen in ihren gesellschaftlichen Zu-ständen, eingeordnet in Stände und Berufe: die Geistlichkeit, Mönche, dieRitterschaft, Vasallen, Burgherren, Hofleute, zuoberst der König. Spott istdie innere Form des Ganzen, dazu eignet auch der äußere Bau, die Masse undBeweglichkeit der Motive, die Wandelbarkeit der Szenerie. Aber in der in denGaunerstreichen sich ausspielenden Satire liegt ein bitterer Hohn auf dieVerderbtheit und Dummheit der menschlichen Natur, die schließlich zumUntergang aller gesetzlichen Ordnung führt, zur Tötung des Oberhauptes unddem Triumph der Untreue.
Das Gedicht scheint keine sonderliche Wirkung gehabt zu haben, woraufauch die geringe handschriftliche Verbreitung deutet. Der Geschmack desliterarisch gebildeten Publikums, der, von den vornehmen Kreisen geleitet,ritterliche Abenteuer und Frauenverehrung verlangte, konnte, trotz einzelnenformelhaft höfischen Aufputzes, an diesen burlesken Schelmenstreichen undunsauberen Spaßen keinen Gefallen finden.
Eine große Zukunft dagegen hatte die niederdeutsche Übersetzung desniederländischen Reinaert, der Reinke de Vos. 2 Sie ist in Lübeck etwa 1498
Baesecke, Ausg. S. XLII f. nimmt e. späteren Inhaltsangabe: J. Grimm, Ausg. S. CIII-CXV;Zeitpunkt an. Piper, Spielmannsdichtg. 1, 292-315.
1 Komposition: Baesecke, ZfdPh. 52, 1-7. a Ausgaben: Hoffmann 1852; Aug. Lüb-