Die Tierdichtung (Reinke de Vos) 347
Nach dem Stricker ist die Fabeldichtung ein Arbeitsfeld der Spruchdichter,die, wie Reinmar vonZweter, derMarner und eine Reihe anderer, vereinzelteStücke hervorgebracht haben. 1
Die Tierdichtung (Reinke de Vos)
Die T i e r f a b e 1 ist ein Teil der Tierdichtung. Innerhalb dieser Dichtart sindverschiedene Begriffe zu unterscheiden; der umfassendste von ihnen ist der derTiersage, eine Bezeichnung dafür, daß hier von Tieren etwas Sagenhaftes be-richtet wird. Die einzelnen Formen sind: dieTierfabel (belehrend, mit Über-legung erdacht) ;das Tiermärchen (unterhaltend, volkstümlich ,von der Phan-tasie erdichtet ; z.B. bei den Grimmschen Märchen: Rotkäppchen und der Wolf,der Wolf und die sieben Geislein, die Hochzeit der Frau Füchsin); das T i e r e p o ssteht unter den Bedingungen des Epos, ist also gegenständliche Dichtung, Er-zählung von Begebenheiten mit Handlung, Schilderung, Personen. Doch be-lehrenden Gehalt hat die Tierallegorie mehr oder weniger immer, wenn er auchoft ganz verdeckt liegt. Die Grundlage der Tierepik bilden volkstümliche Tier-sagen und Tiermärchen, dazu literarisch überlieferte Fabeln (Äsop und seinelateinischen Nachahmer und Übersetzer). Das Tierepos ist also ein Kunst-produkt, aufgebaut auf Volksüberlieferung und gelehrten Zutaten.
Das älteste eigentliche Tierepos des Mittelalters ist die Ecbasis Captivi(LG. I, 370-4), 2 um 930-40; etwa zweihundert Jahre später erschien dasgrößte und für Inhalt und Bau des gesamten Tierepos grundbildende Werk,der lateinische Ysengrimus (früher Reinardus vulpes genannt) von MagisterNivardus, um 1150, enthaltend ein Dutzend Geschichten mit dem Mittelpunktder Heilung des Löwen durch den Fuchs, deren Ursprung in einer äsopi-schen Fabel liegt, die ihrerseits aus Indien stammt (Löwe und Schakal). DieNamen der Tiere, Isengrimus (Isengrim = der mit dem eisernen Helm), Rei-nardus (Reginhard, Reinhard, von althochdeutsch ragin Rat, deutet aufKlugheit), Bruno (der Bär) sind deutsch; in dem Grenzgebiet Deutschlandsgegen Frankreich, Lothringen oder auch Flandern dürfte durch Zusammen-fassung traditionell im Volke und in den Klöstern umgehender Tiergeschichtendas lateinische Tierepos entstanden sein, und zwar als Kunstdichtung vongelehrten Klosterleuten entworfen.
Nach den lateinischen Tierdichtungen entstanden auch solche in den Volks-sprachen, zunächst in Frankreich der berühmte Roman de Renard. Dieser
1 Scherer, Dt. Stud. I S. 52; Roethe, Rein- J. Grimm 2 S. 289-96; Ders., Kl. Sehr. 1, 143.mar; Rodenwaldt aaO.; Sparmberg aaO. 182-7. 187 f.; Voigt, Ysengrimus, hgb. 1884,
2 Lit. üb. Ursprung u. Verbreitung einzelner dazu JB. 1884 Nr. 1681; L.Willems, ßtudeFabeln u.Entstehung des Tierepos :Voretzsch sur l'Ysengrinus, Gent 1895. — KaarleEinführung in d. Stud. d. afrz. Lit. Kap. XI, Krohn, Bär (Wolf) u. Fuchs. Vergleichende2; Ders., Preuß. Jahrb. 80, 1895, 417 ff. (mit Studie, Helsingfors 1888, andere Artikel s.Lit.); Reissenberger, Reinh. Fuchs, Ausg. Reissenberger aaO. S.7 Anm. 3; Leopold1908, Einl. (mit Lit.); Voretzsch in d. Ausg. Sudre, Les sources du roman de Renart,des Reineke de vos von Leitzmann u. in d. Paris 1893, dazu Singer, Anz. 20, 248-51,Ausg. des Reinh. Fuchs von Baesecke. — Voretzsch, Lbl. 1895, 15-25, Martin, Zfrom-J. Grimm, Reinh. Fuchs S. V u. Kl. Sehr. 5, Phil. 18, 286 ff.; Walther Suchier, Tierepik455-66; Wackernagel, Kl. Sehr. 2, 212 ff. u. Volksüberlieferg., Arch. 143, 1922, 223-36.234ff.;MÜLLENHOFF,ZfdA. 18,1-9; Scherer,