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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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346
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346 Didaktische Kleindichtung

Dichter hat in dem Umfang wie er das Bispel gepflegt, und diese Gattung istmit dem Namen des Stricker, den wir als Ependichter kennen (s. oben),eng verknüpft. Das seiner Veranlagung und Sinnesrichtung eigenste Gebiet istdie epische Kleindichtung, die Novelle und der Schwank, und die ihm alsFahrendem besonders nahe liegende erzählend-moralisierende Gattung, Bispelund Fabel. Die (169) echten bispel des Stricker sind in den Handschriftenoft mit fremden, anonymen Stücken vermischt, die, ganz in seiner Art ge-halten, sich meist nicht leicht von seinem wirklichen Eigentum unterscheidenlassen. Der Umfang der Bispel ist sehr verschieden, zwischen etwa 50 und600 Versen.

Über den Typus der rein lehrhaften, in einem Punkt zusammengefaßtenFabel oder des Bispels hinaus sind einige Stücke zu motivenreichen Gedanken-zusammenhängen erweitert. So das Gedicht von den Edelsteinen, das sichgegen die Überschätzung ihres Wertes wendet (Hahn S. 44-52). Herbe Sitten-bilder sind entrollt in Zeitsatiren: in derKlage" (Hahn S.52-70)klagt"der Dichter über den Schwund der fröude und die allgemeine Unsittlichkeitder Generation; in dem Märe von den Herren von Österreich (u.a. beiMeyer-Benfey, Mhd. Übungsstücke S. 63-8) werden in der Gegenüber-stellung von Einst und Jetzt die Habsucht und der Geiz als Grundübel desgegenwärtigen Adels gebrandmarkt, gegenüber den früheren Sitten an denHöfen, wo Gesang und Saitenspiel, Frauenhuld und Turnier das Leben ver-schönten. Hier setzt schon Verfallsstimmung ein. Auch das Märe von denGäuhühnern zeichnet lokale Zustände, nämlich wie die Bauern sich gegendie Herren auflehnen. 1

Strickers Bispel und Fabeln bewegen sich in der sozialen Umwelt und bil-den also zusammengefaßt eine Sitten- und Ständesatire nach einzelnen Lebens-formen. Da treten auf der König und seine Ratgeber, der Ritter, der reicheMann und sein Knecht, die Pfaffen, die Bauern, die Handwerker, der Wirt unddie Gäste, Mann und Weib in der Ehe, das häusliche Leben; viele Gedichtesind religiös gewendet, aber das fromme Ethos fehlt diesem praktischen,poesielosen Kopfe. Und so läßt er auch die Minne, für die er keinen Sinn hat,wohlweislich aus dem Spiel.

zeichnis der Stellen, an denen Strickersche 2, 220. In manchen Hss. wurde die darin

bispel, Fabeln u. Erzählungen gedruckt sind: befindliche Sammlung von bispel und von

v. Kraus aaO. S. 285-7 (s. auch, nach diesem mceren genannt:die Welt" (um 1300 u. spä-

erschienen, Rosenhagen, Reallex. 1, 209 f.). ter), danach hatte man für Strickers Bispel

Stellen, an denen andere kleinere lehrhafte als Gesamttitel früher auchStrickers Welt",

Gedichte dem Stricker zugewiesen u. abge- so Docen, Ad. Wälder 2, 1-7; v. d. Hagen,

druckt sind: Pfeiffer, Germ. 6, 457-66, GSA. III, 765; s. Niewöhner, ZfdA. 63,

ZfdA. 7, 478-521, Übungsb. S. 27-38 (S. 39 99-102.

-41 nicht vom Stricker); Bartsch, Germ. 8, 1 Göu, Gau, das flache Land gegenüber der

46 f.; Strauch, Enikel I, 336 Anm. 2; Kum- Herrenburg. Die Bauern werden so genannt,

mer, ZfdA. 25, 290-301; Singer, ebda 31, weil sie Zinshühner abliefern mußten, Pfeif-

358-60; Lambel, Symbolae Pragenses, Festg. fer, Germ. 6, 457-66; Meyer-Benfey, Mhd.

z. 42. Phil. Vers, in Wien 1893, dazu Rosen- Übungsstücke 2 , 1921, S. 68-73.

HAGEN, ZfdPh. 27, 131 f. BOLTE-POLiVKA