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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Die Fabeldichtung 345

Erzählung (spei), bei (bi) der noch etwas zu verstehen ist, ein Vorgang, beidem noch eine allgemeine Idee mitgeht (auch Parabel, Gleichnis, lehrhafteNovelle, selbst der Schwank, können einen belehrenden Beisinn, ja sogar einemoralische Schlußformel haben); überhaupt ist keine feste Grenze zwischender Fabel'und diesen Sondergattungen zu ziehen. Psychologisch betrachtetist Fabel, bispel, in erster Linie Verstandeserlebnis, mit Reflexion gearbeitet,und erst bei der epischen Einkleidung kommt die Phantasie in Bewegung.Oft sind Bispel alsPredigmärlein" in Predigten eingelegt (LG. 11,2, 199),auch in religiöse oder Lehrdichtungen wie in Rudolfs von Ems Barlaam, imRenner. Ihrem Sinn nach gehört die moralisierende Fabel in das Gebiet derSatire, die Moral der Fabel beruht auf dem Kontrast des Ideals und der Wirk-lichkeit. Je nach dem Temperament ist die Satire, somit auch die moralisie-rende Fabel, bitter, strafend (pathetisch) oder spottend und mehr nachgiebig. 1

Die Handlung einer Fabel tragen Tiere oder Menschen oder Menschen undTiere, Pflanzen, unbelebte Dinge. Der Inhalt ist sehr verschieden, es kannwirklichFabelhaftes" vorgeführt werden, ein phantastisches Gebilde, andrer-seits kann der Stoff der Wirklichkeit entnommen, ganz realistisch sein.

Der Ursprung der Fabel liegt in Indien, von wo sie ins Abendland undnach Griechenland kam. (Doch hatten auch die Germanen schon Tiergeschich-ten.) Unsere Fabelliteratur stammt aus der Antike, zuvörderst aus der äso-pischen Fabel. In der lateinischen Klosterdichtung fand die Fabelliteraturihre mittelalterliche Weiterbildung, von hier aus wurde sie durch die Spiel-leute, die Fahrenden, volkstümlich, ebenso durch ihre Verwendung als prak-tisches Lehrmittel in den Schulen. Die erste Fabel in deutscher Sprache bringtdie Kaiserchronik (vom gegessenen Hirschherzen, 6854-6921); dann folgender Zeit nach die fünf Tierfabelndes Spervogel Anonymus (Herger), ohne Nutz-anwendung. 2 Der Stricker 3 hat Fabel und Bispel zur Höhe erhoben, kein

Strickers Bispel s. unten Anm. Bispel waren, Stricker und seinen Bispel: C. v. Kraus,wie die Tierfabeln, oft weit verbreitet. Ein Übungsb. 2 S. 279-87 (Zwierzina); L. Frän-Beispiel gibtDes Vögeleins drei Lehren", das kel, ADB. 36,580-7. K. A. Hahn, Kleinereim lat. pros. Barlaam und Josaphat vorkommt Gedichte von dem Stricker, 1839 (Ausg. vonund in den lat. Gesta Romanorum (Oester- 13 Gedichten); Bartsch, Ausg. von Strickersley, Gesta Romanorum, 1872, S. 554-56 u. Karl 1857 S.XLVIIIff.; L. Jensen, Üb. ds.739); in den deutschen Gesta Romanorum ed. Stricker als Bispel-Dichter, 1886, dazu See-Keller, 1841, S.40; verschiedene Fassungen Müller, DLz. 1886, 1526-8, Cbl. 1886, 1328;dieses Bispels: Ad. Wälder aaO.; Lassbergs Piper, Höf. Ep. 3, 94-164. Franz Brietz-Liedersaal 2 Nr. CLXVII S. 653-57 (Der Jäger mann, Die böse Frau in d. deutsch. Litt. d.u. die Nachtigall); Pfeiffer aaO. S.343-45; MA.s, Palaestra 42, 1912; A. Blumenfeldt,Keller, Ad. Ged., 1846; K.Roth, Dichtungen Die echten Tier-u. Pf lanzenfabeln des Stricker,des dt. MA.s, 1845; Aretins Beiträge IX, Berl. Diss. 1916; H. Badstüber, D. dt. Fabel1247; Boner Nr. 92. Schröder, Das gol- von ihren ersten Anfängen bis auf d. Gegen-dene Spiel von Meister Ingold, 1882 (s. unten wart 1924; Naumann, Reallex. 1, 145 f. (mitSchachbücher), S. 87. J. Grimm, Reinh. Lit.);ZwiERZiNA, Festg. Singer 1930,144 ff.Fuchs S. CCLXXXI; Uhland, Germ. 3, 140. Stellen: Ehrismann, Germ. 31, 314; Marie

1 Schiller, Über naive u. sentimentalische Gothein, Arch. f. Religionswissensch. 9,1906,Dichtung. 354 f. Vollständiges Verzeichnis der Hss.,

2 Siehe ob., Scherer, Dt. Stud. 1, 49 f.; die Strickers bispel enthalten: v. Kraus,Rodenwaldt S. 9-11; Sparmberg S. 7-17. Übungsb. 2 S. 279-85; s. auch Piper, Höf. Ep.

3 Eine Gesamtausgabe der Kleineren Ge- 3, 94-9; Naumann, Reallex. aaO. (auch Nie-dichte des Stricker fehlt noch. Lit. zum wöhner, ZfdA. 63, 99-102. 269 f.). Ver-