Hugo von Trimberg: Der Renner 341
Moralprediger zum Dichter. So ist der Dualismus zwischen Gott und Welt,Gott und den Menschen scharf herausgearbeitet, aber geht nicht ins Extreme,indem er die Schönheit der Erde anerkennt, denn sie ist ja eine SchöpfungGottes. Aber im Renner, der eine Altersarbeit ist, sehen wir doch bittereErfahrungen überwiegen, einen ethischen Pessimismus, der ja schon an sichzu dem Stil einer Lasterpredigt gehört. Daher auch die vielen Klagen überdie schlechte Gegenwart gegenüber der guten alten Zeit. Damit liegt überdem Werke die Verfallsstimmung, die in der zweiten Hälfte des 13. Jahr-hunderts überhandnahm im Gegensatz zu der Ritterromantik der höfi-schen Zeit.
Als auf speziell bürgerlicher Gesinnung beruhende Morallehre ist der Ren-ner soziologisch gerichtet eine Satire auf alle Stände. Er betrachtet dieMenschen als gesellschaftliche Gruppen, und in den Standes- und Berufs-kreisen spielt sich das gesamte Leben der Zeit ab. 1 Und da tritt nun die neuebürgerlich-städtische Auffassung gegenüber der früheren ritterlich-höfischenam schärfsten hervor in seiner Mißachtung der Ritterideale Tapferkeitund Minne: Turnier und andere Kraftproben sind Affenheit und lächerlich,die Minne machet kluoge Hute ze narren (11793). 2 Die Ritterromane sind lügen-voll und haben manchen um Leib und Seele gebracht (21637-96); s. auch1221-32. Dagegen preist er die alten Minnesänger, wohl besonders wegen desGesanges (wise), am meisten allerdings doch den gelehrten SpruchdichterMarner (1179-1220).
Der Stil 3 ist der einer gereimten Moralpredigt und entspricht somit demZweck des Werkes. Hugo ist schon an sich kein poetisches Talent, sondernLehrer, Schulmeister, dessen Gedanken auf den praktischen Erfolg gerichtetsind, und so ist auch seine Ausdrucksweise ohne dichterischen Schwung. Woer Kunstformen anwendet wie Wortwiederholungen, Anapher, da geschiehtes in rhetorischer Absicht. Die häufigen Wendungen an das Publikum, beson-ders bei Übergängen, eignen dem Predigtstuhl. Ebenso ist die Metrik 4 kunst-los, der Versbau fließend, frei, nicht streng an regelmäßigen Wechsel von He-bung und Senkung gebunden.
Nachwirkung. 5 Der Renner war einer der beliebtesten und einfluß-reichsten deutschen Werke des späteren Mittelalters, 6 davon gibt die starke
1 Behrendt S. 32 ff.; Ehrismann, Festschr. Teuthonista 7, 177 f., Piquet, Rev. germ. 19,Panzer S. 42. 1928, 290 f.
2 Seemann, Solsequ. S. 43 u. S. 17; Ehris- 6 Lit. Seemann, Solseq. S. 1-6. Zu Lessing:mann, Festschr. Panzer S. 43 und in Stamm- Danzel-Gubrauer, Lessing Bd. II 2 S. 334 f.;lers Verfasserlex. Erich Schmidt, Lessing II, 89. 94; Seemann,
3 Sprache (ostfränkisch): Lit. Ver. IV S. 52 Fabeln S.23; Behrendt S.4. — Heinr.-70; Zwierzina, Anz. 26, Reg. S. 355. 27 Rückert beabsichtigte eine kritische Ausgabe,Reg. S.351; Ders., Festschr. Luick 1925 s. Amelie Sohr, H. Rückert in s. Leben u.S. 122 ff.; Johannes Iwer, Zur Moduslehre Wirken, 1880, S. 185 f.; Bartsch, Anz. d.des Renners, Tüb. Diss. 1914. germ. Mus. 1858 Sp. 213.
4 Franz Diel, Reimwörterbuch zum „Ren- 6 Nachzuweisen bei Johann v. Morsheim; inner" des H. v. Tr., Münch. Texte Ergänzungs- Priamelhandschriften (Anz. f. Kunde d. dt.reihe H. 7, 1925/26, dazu Wesle, ZfdPh. 54, Vorz. 1859, 328), bei Rosenblüt (ebda); Ren-454-57, Behaghel, Lbl. 49, 256 f.; Hübner, neru. Steinhöwel: Drescher, Lit.Ver. Bd. 205