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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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340 Die lehrhafte Dichtung

mit dem jüngsten Gericht endet (24397-483). Da die Abschweifungen sichauf verschiedene Wissenschaftsgebiete (u. a. besonders Zoologie [Physiolo-gus] 19161-20346, 1 Sprache 22237-352) erstrecken, so ergibt sich zugleicheine mittelalterliche Wissenschaftslehre, 2 eine Enzyklopädie.

Eingeleitet wird diese Sündenpredigt durch eine Allegorie: die Früchteeines Birnbaums fallen auf den umliegenden Grund an verschiedene Stellen,in einen Dornbusch, eine Lache, einen Brunnen, gemeint sind die in ver-schiedene Todsünden fallenden Menschen. 3 In die Moralpredigt sind einegroße Zahl anschaulicher, epischer Bestände eingelegt, einzelne kleinere Ge-schichten, Anekdoten Fabeln, 4 Bilder aus dem alltäglichen Leben; dadurchund durch die Erzählung vieler persönlicher Erlebnisse gewinnt der Vortrageine unmittelbare Nähe. Auch hierin folgt Hugo der Methode der Predigt, wogern solche Predigtmärlein alsExempla, Beispiele, eingelegt werden 5 (s.obenSolsequium). Sehr häufig zitiert 6 Hugo klassisch-lateinische Autoren(Cicero, Ovid, Horaz, Lucanus u. a.), lateinische Kirchenväter (Augustin,Gregor, Hieronymus, Ambrosius), selten Kirchenlehrer (S. Bernhard), aberkeine Scholastiker, auch keine deutschen Prediger. Er wollte gerade die demdeutschen Volk nicht zugänglichen lateinisch-kirchlichen Autoritäten nahebringen (24545-551). Sicher besaß Hugo ein erstaunliches Wissen, aber dieSchriften die er zitiert, hat er nicht alle selbst gelesen, sie waren ihm wohl zumTeil aus einem Florilegium zugänglich. Am häufigsten bringt er Sprüche ausFreidank bei. 7 Die Hauptquelle ist die Bibel: diu heilige schrift muoz immersin doch aller künste keiserin (13407); und zwar sollen wir das Wort Gottesehren, ohne darüber nachzugrübeln (13445 ff.). In einfacher Frömmigkeitruht seine Weltanschauung. 8 Sein Grundsatz ist: wol si, die des mitteinwalten Und lip undsele in got behalten (8603). Welt, Leben und Ich mißt er abnach der Stellung zu Gott; wertlos sind sie, wenn sie nicht auf Gott gerichtetsind. Das Ziel ist das Himmelreich, das Leben nur der Weg dahin; Got müezeunsfrist und hilfe geben, daz wir bi im sinfrö (22986 ff.), die Erde ist ein Jam-mertal gegenüber der Freude im Himmelreich (229 ff. 23002 f.). Aber völligeWeltentsagung liegt ihm ferne, er ist kein Asket, er hat Freude an der Schön-heit der Natur, sie ist eine Offenbarung von Gottes Größe und Herrlichkeit(207-34. 18146 ff. 18703 ff. 22989 ff. 23655 ff.); an solchen Stellen wird der

1 LG. II, 1, 227. 4 Janicke, Die Fabeln u. Erzählungen im

2 Ehrismann, Festschr. Braune aaO. Renner, Aren. 32, 161-76.

3 Die Allegorie vom Menschenbaum hat ihren 5 LG. II, 3, 196. Schröder, Anz. 43, 98.Ursprung in den im Mittelalter allgemein be- 6 Wölfel S. 161 f.; Grupp aaO.; Seemann,kannten Lastertafeln. Solche waren, mit Tu- Fabeln S. 10 ff.

gendtafeln zusammen, in Schulen aufgehängt. ' Janicke, Freidank bei H. v. Tr., Germ. 2,

Eine Abbildung findet sich in Hugos v. St. 418-24; Leitzmann, Freid. im Renner, Beitr.

Victor De fructibus carnis et Spiritus, Migne 45, 116-20. W. Grimm, Freidank 1 S. CXVI

176, 997 ff., der Tafel mit den Früchten des f.; Pfeiffer, Germ. 2, 138; Bezzenberger,

Vetus Adam (vgl. Renner V. 107) entspricht Freidank S. 11. 52; Grupp, Didaktiker aaO.;

die Allegorie Hugos (s. auch Alcuin, Migne Ehrismann, Festschr. Braune S. 220 f.

101, 640). Verbunden damit ist die Parabel 8 Janicke, Germ. 5, 385-401; Wölfel aaO.;

vom Sämann, Matth. 13, 4, Mark. 4, 3, Luk. Seemann, Solsequium S. 10-22; Behrendt

8, 5. S. 24 ff.