336 Die lehrhafte Dichtung
bestimmten Zeitereignissen hervor, so daß sie im einzelnen ziemlich genau zudatieren sind. Herangewachsen noch in den letzten Jahren der Babenberger,erscheint ihm im Alter jene Periode als die Idealzeit österreichischen Staats-lebens und österreichischer Ritterschaft; mit dem Habsburger Regiment ver-trägt er sich erst allmählich. Sein Dichten ist Offenbarung seiner Lebens-erfahrung. Wir blicken vorübergehend in seine Privatverhältnisse: er warverheiratet (I, 1398), Vater und Großvater (X, 56). Er tritt politisch starkhervor, aber sein Interesse gilt nur Österreich, von der Reichspolitik hälter sich fern.
Für die Zeitsatire war in Österreich ein günstiger Boden, hier herrschte einerege Teilnahme an den Vorgängen des wirklichen Lebens. So haben diese Ge-dichte bestimmten historischen Hintergrund, wie er im Meier Helmbrecht, inEnenkels und Ottokars Chroniken gezeichnet ist, und stehen innerhalb einerliterarischen Tradition, die durch den Stricker, Ulrich v. Lichtenstein, Kon-rad v. Haslau vertreten wird und in der noch die alten konventionellen ritter-lichen Lebensideale anklingen. Die Kenntnis Wolframs, Walthers (Vokal-spiel!), des Wälschen Gastes wirkt nach, aber auch Neidharts Bauernsatire.Doch nicht die rationalistische Beobachtung der Wirklichkeit allein gibt dieSzenerie ab, später, in vorrückendem Alter, wendet sich der Dichter demEwigen zu. Der Tag ist verrauscht, die Schatten des Abends umlagern ihn,er löst sich vom Leben, er erkennt dessen Nichtigkeit, und religiöse Stim-mungen erfüllen ihn, der Gedanke an den Tod und das Gefühl der Sehnsuchtnach der Barmherzigkeit Gottes.
Die 15 Gedichte lassen sich nach Technik und Inhalt in zwei Reihen teilen: A. solche mitRahmenerzählung, einem Gespräch zwischen dem Dichter und seinem Knecht; dieser stelltFragen, der Herr antwortet. Diese Gesprächsform ist dem Lucidarius (s. unten) nachgeahmt, woin gleicher Weise der Meister und der Jünger sich über wissenschaftliche und moralische Gegen-stände besprechen. Danach gibt der Dichter den Titel (I, 30): so nenne wir daz buoch alsus denkleinen Lucidarius. Zu dieser „Lucidarius"gruppe gehören I. II. III. IV. VIII. IX. X. XV,Seemüller S. 21-233. 1 — A. Gedicht I (Seem. S. 21-66, 1402 V.). Allgemeine Fragen: was istReichtum, Alter? Dann die Landessitten in Österreich: die Raubgesellen, Tracht, Typen vonschlechten und rechten Männern und Frauen in einzelnen Bildern aus dem Leben. — II (Seem.S. 67-115, 1516 V.) In allegorischer Form; die Tugenden Treue, Wahrheit usw. nehmen an derUnterhaltung von Herrn und Knecht teil, Laster werden mit spezieller Hinsicht auf Österreichgebrandmarkt; am Schluß wird gegen die Juden und die lotersinger losgezogen. — III (Seem.115-128, 404 V.) Über österreichische Sitten, ähnlich wie in I u. IL — IV (Seem. S. 129-57,872 V.) betrifft einen Vorfall in der österreichischen Geschichte: die Verschwörung von vier adeli-gen Dienstmannen gegen Herzog Albrecht 1295/96. — XV (Seem. S. 157-85, 854 V.) Klagen überden Verfall des Rittertums; Erzählung des Ungarnkrieges.— VIII (Seem. S.185-225,1246V.) Überden „rechten Dienstmann" (26. 114. 118. 141); dem König (Rudolf v. Habsburg) wird Rat erteiltbezüglich des Landes Frommen und Ehre (1034 ff.). — IX (Seem. S. 225-30,167 V.) Den Dichterbedrückt das Alter, er gedenkt des Endes, „miserere mei deus" (75). Bis hierher geht die Gesprächs-form, also „der kleine Lucidarius". Durch die Erwähnung des Knechtes wird auch X (Seem.S. 230-33, 87 V.), wo der Dichter im Gedanken an sein Alter die Himmelskönigin und die Drei-einigkeit anruft, an den Bereich des „kleinen Lucidarius" angeschlossen.
1 Erschwert ist die Übersicht dadurch, daß nologisch) als v. Karajan eingeführt, dessenSeemüller eine andere Reihenfolge (bes. chro- NumerierungderGedichteaber beibehalten hat.