Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
Seite
332
Einzelbild herunterladen
 

332 Die lehrhafte Dichtung

1276/77 (bdbst Johan 168. 257)^ Der Sprache nach stammte der deutscheMönchsprediger aus dem nördlichen gegen Ostfranken gelegenen Bayern. 2

Die Strafpredigt ist durchaus sozialethisch eingestellt, freimütig werdenalle Stände von der höchsten geistlichen Würde bis zu den Bauern gerügt inden ihnen eigenen herrschenden Lastern, meist nach der allgemein üblichenmoralischen Satire der Zeit, in der Weise, wie sie in den Carmina Burana (s.oben) gegen die Geistlichen gerichtet ist. 3 Rückhaltslos werden Mahnungengegeben an die Kardinäle, Patriarchen, Bischöfe, Ordensritter, Laienbrüder,Weltpriester, Pfaffen, Nonnen; dann an die weltlichen Stände, den Kaiser, dieKönige, Ritter, Knappen, Bürger, Kaufleute, Bauern. Der poetische Wertist gering. Versbau und Reim 4 sind nicht zu beanstanden. Als Predigt ist dasGedicht auch im Predigtstil gehalten, in dem durch die formelhaften Anredenimmer die Verbindung mit einem zuhörenden Publikum aufrechterhalten wird.

Minnelehren

Eine besondere Gruppe von Lehrgedichten, die diese Gattung mit derLyrik verbindet, bilden die Minnelehren (s. oben). In höfischen Romanenund in bisher besprochenen lehrhaften Dichtungen (s. oben Phaset) werdenauch mehr oder weniger eingehend Vorschriften für die Minne, in weiteremSinne für das gegenseitige Verhalten von Männern und Frauen, gegeben. Einselbständiges lehrhaftes Minnegedicht tritt in der Mitte des 13. Jahrhundertsauf, das sich selbst Der Minne Fürgedanc 5 (= der Minne Rat V. 5) nenntund sich als ein minne büechelin(V. 1) vorstellt. Die 610 Verse sind in zweiTeile gegliedert: der Hauptteil, S. 172-184, ist eine Tugendlehre, er erklärt diezehn Tugenden (zehen gebot der Minne S. 174, 26), die derjenige Mann habenmuß, der minne lönes gert (173,19); es sind Tugenden der Moralis Philosophia.Der zweite Teil, S. 184 bis Schluß, ist eine Huldigung an die Geliebte, indemder Dichter an ihr das Ideal einer Frau darstellt. Damit enthält dieses minnebüechelin die beiden Bestandteile einesBüchleins": allgemeine Minnelehreund persönliche Wendung an die Dame (s. Hartmanns Büchlein, LG. II, 2155). Der Verfasser kennt, wie stilistische Wendungen und einige Anspie-lungen zeigen, Iwein, Parzival, Tristan, Freidank.

Gegenüber der didaktischen und lyrischen Haltung diesesMinnebüch-leins" ist DerMinne Lehre mehr episch und dramatisch gestaltet (2250 V.). 6Der ungenannte Dichter, Alemanne, 7 wohl nach der Mitte des 13.Jahrhun-

1 Der bäbst Johan d. 21., erwählt 1276, gest. 519. Abh.: Pfeiffer S. Vff.; Friedr.1277, Karajan S. 10-12. Höhne, D. Gedichte des Heinzelein v. Kon-

2 Wiesotzky S. 30-2, mit Lit. stanz u. die Minnelehre, Leipz. Diss. 1894, dazu

3 Paul Lehmann, Die Parodie im MA. S.43ff. Kraus, Anz. 22, 234-6; Kurt Matthaei, D.

4 Wiesotzky aaO. weltliche Klösterlein u. d. dt.Minne-Allegorie,

5 Ausg.: Docens Mise. 2, 171-88. 1 Hs. 1907, S. 16 f.

Fürgedanc etwa = Vorgedenken für die Minne, 'Wahrscheinlich aus Konstanz (Sprache!);

Grundsätze für den Minnenden. Zwierzina, ZfdA. 45, 58, s. auch 44 Reg.

6 Ausg.: Franz Pfeiffer, Heinzelein v. Kon- S. 351. 45 Reg. S.347; dahin führt auch diestanz, 1852, S. Vff. 3-98. 137^6; ältere Aus- Herkunft der beiden wichtigsten Hss., dergaben (einzelne Hss.) s. Piper, Höf. Ep. III, Weingartner Liederhs. u. Lassbergs Hs., diese