„Der Jüngling." Die Warnung. Das Buch der Rügen 331
(V. 1 ff.). Hölle und Teufel werden an die Wand gemalt, um zur Buße an-zuspornen. Doch nicht nur negativ durch Enthüllung der Sünden wirkt derStrafprediger, sondern durch Mahnung zum Guten, Aufstellung der Tugenden,der mäze, kiusche u.a. Aber der durchgehende Zug ist erbarmungslose Askese:Alles Schöne vermaledeit dieser Eiferer, er warnt vor Naturfreude und Minne(1835—2428), der Grundakkord ist immer: nu gedenket balde an den tot (2371),die Verfallsstimmung: nu ist diu werlt verdorben (1700), edele Herrn sint alletot (1692).
Die „Warnung" ist eine Satire auf die Welt, die Menschheit. Sie hat zuVorgängern das Memento mori und Heinrichs von Melk „Erinnerung" im12. Jahrhundert (LG. 11,1,184—94), mit der sie nicht nur die Grundanschau-ung, den Contemptus mundi, gemein hat, sondern auch manch einzelne Vor-stellungen; auf direkte Benutzung weist jedoch keine Stelle hin, der Ver-fasser hat ohne bestimmte Quellen 1 aus dem allgemeinen Gedankenkreisder geistlichen Literatur geschöpft; Bibel, patristische Literatur, Predigt,geistliche Dichtung sind die Hauptquellen seines Wissens, auch kannte er dasVolksepos und die Lehrdichtung, von der höfischen Dichtung besonders Hart-mann und Thomasin.
Die Ausdrucksweise ist anschaulich und lebendig, der Predigtstil tritthervor in den Anreden an ein Publikum: Nu vernemel (1), nu merkt (101), war-net iuch (179), von diu habt muot (193) usw. Die gewaltige Beredsamkeit Hein-richs von Melk besitzt dieser Prediger nicht, auch versteigt er sich nicht zujener schonungslosen Verdammnis, zu dem fast wollüstigen Wühlen in dermenschlichen Verderbtheit. — Die Reime und die Verstechnik (3932 Verse)folgen der guten mittelhochdeutschen Zeit. 2
Ein ähnliches Thema der Vergänglichkeit ist angeschlagen in der Klagedes alten Mannes, der der Frohmut des Jungen entgegengesetzt ist. 3
Das Buch der Rügen
ist eine gereimte Strafpredigt, 4 eine Übersetzung der lateinischen ReimpredigtSermones nulli parcentes, gerichtet an die fratres praedicantes (lat. KarajanS. 16 V. 1 ff. S. 44 V. 1037; s. auch V. 85): Hcert, ir bruoder (S. 46,47); diepruoder . .. die predigen schulten vnd lern die crislenhait (S. 90, 1600). DasBuch ist also eine gereimte Mönchspredigt und wohl aus dem Orden derfratrum praedicatorum, dem Predigerorden, hervorgegangen. Das lateinischeOriginal wird demnach nach 1220 entstanden sein, die deutsche Übersetzung
1 Borinski, Germ. aaO.; Weber aaO. 6-92 (lat. u. deutsch). — Bruno Wiesotzky,
2 Borinski, Germ. aaO.; Wallner, Entste- Untersuchungen üb. d. mhd. „Buch der Rü-hungszeit aaO.; Weber aaO. — Schröder, gen", QF. 113, 1911, dazu Ziesemer, DLz.ZfdA. 59, 46. 66, 140. 1914, 98 f., Helm, Lbl. 1914, 279, Piquet,
3 „Der Alte und der Junge", hgb. Haupt, Rev. germ. 9, 105 f. — Euling, Das Priamel,Ad. Blätter 1, 29-34. — Hugo v. Trimberg, 1905, S. 438^40; Schröder, Anz.49, 162 f.Renner, Ausg. d. Lit. Ver. IV S. 1-3. (Stellen); Niewöhner, Stammlers Verfasser-
4 Hgb. v. Theod. v. Karajan, ZfdA. 2, lex.l,314-17. — ZweiHss.: Wiesotzky S.2-6.