328 Die lehrhafte Dichtung
aaO. S.383); Zeit: 13. Jahrhundert. Der Facetus (moribus et vita) wurdeebenfalls von Seb. Brant übersetzt, als „Liber Moreti"; gedruckt 1499 u.ö. 1
Der Magezoge
Eine Spruchdichtung ist auch „Der Magezoge" 2 (404 V., Reimpaare) ausder Mitte des 13. Jahrhunderts von einem unbekannten österreichischenVerfasser. Die Eingangsverse nennen den Titel: Ich heize ein Spiegel der fu-gende unde ein magezoge (Erzieher) der jugende. Der Erzieher ist der Vater,dise lere sol der vater geben sime sun, 8. Es ist eine Sittenlehre für einen ritter-lichen Jüngling, einen jungen Edelmann.
Tischzuchten
Einen Ausschnitt aus den Anstandsregeln, die in den Bereich des Facetusmoribus et vita fallen, bilden die Tischzuchten, 3 welche die bei den Mahl-zeiten zu beobachtenden guten Formen lehren. Auch diese Gattung wurzeltin der mittellateinischen Literatur und ist von da in eine Anzahl abendlän-discher Literaturen verbreitet worden. 4 Das erste Beispiel ist der AbschnittDe modo comedendi, den die Disciplina Clericalis des Spaniers Petrus Alfonsi(um 1120) 5 in das Exemplum XXVI eingeflochten hat. Eine Masse Tischregelnsind ohne Zusammenhang im Supplementum Catonis eingestreut. 6 Das ersteselbständige Gedicht über Tischregeln ist der lateinische Phagifacetus 7oder Thesmophagia, Reineri Phagifacetus (440 Hexameter), von einem sonstunbekannten deutschen Magister Reiner, wohl gegen Ende des 12. Jahrhundertsverfaßt. In der deutschen Literatur, wo Tischzuchten vom 13. bis 16. Jahrhun-dert begegnen, gibt Thomasin im Wälschen Gast zum erstenmal ein Beispiel inB. I Abschn.2 bei den Lehren über hovezuht, V. 476-526. Die älteste selbstän-dige deutsche Tischzucht ist Tanhausers Hofzucht 8 (13. Jahrhundert,
1 Zarncke, Narrensch. S. 142-7. zuchtenlid, S. 3-5, Reallex. aaO.; Rückert,
2 Hgb. v. Haupt, Ad. Blätter 1, 88-105 (als Welsch. Gast, Ausg. S. 521 f.
„Spiegel der lügende"); Rosenhagen, Klei- 6 C. Schroeder, S. 290 f.; Merker, Tischz.,
nere mhd. Erzählungen, Dt. Texte d. MA. s lit. S. 5-7.
Bd. 17, 1909, 21-9. — Schröder, ZfdA. 62, 7 Hugo Lemcke, Reineri Phagifacetvs sive
221-6; Niewöhner, ebda 63, 269 f. — Eu- de Facetia comedendi libellus addita versione
ling, Priamel S. 299 f. Seb. Brantii, 1880; Merker, Tischz.lit. S. 7
3 Moritz Geyer, Ad. Tischzuchten, Progr. -ll,woweitereLit.,u.Reallex.aaO.; Rückert,Altenburg 1882, dazu Martin, Anz. 8, 309 f., W. Gast, Ausg. Anm. S. 522; Suringar, DieLichtenstein, DLz. 1882, 1216; bes.: Paul Bouc van Seden S. XXVII f. — Hugo vonMerker, Die Tierzuchtenliteratur des 12. bis Trimberg im Registrum V. 850-6 nennt diesen16. Jhs., Mitteil d. dt. Ges. in Leipzig 11,1913, Phagifacetus „Novus Facetus".
1-52 u. SA.; Ders., Reallex. 3, 370-3; Nie- 8 Hgb. von Haupt, ZfdA. 6,488-96; Geyer
wöhner „Der zühte lere", ZfdA. 71,42-48.— S. 9—12 (Überschrift in der Hs., a. 1393: Daz
Franz Fuhse, Sitten u. Gebräuche der Deut- ist des tanhawsers getiht vn ist gut hofzucht, am
sehen beim Essen u. Trinken von d. ältesten Schluß: der Tanhusceregemachethät die rede .. .
Zeiten bis z. Schlüsse des XI. Jhs., Gott. Diss. — Merker, Tischz.lit. S. 15-7; Leitzmann,
1891; Willy Pieth, Essenu. Trinken im mhd. Beitr.46, 320-7; Euling, Priamel S.296;
Epos d. 12. u. 13. Jhs., Greifsw. Diss. 1909. Rehm, ZfdPh. 52,303; Bebermeyer, Reallex.
4 In die mittelalterl. Morallehre, Philosophia 1, 522 f. — Andere Hofzuchten (Tischzucht):moralis, eingereiht gehören die Tischzuchten Adalbert v. Keller, Ad. Gedichte Nr. 5zur Abstinentia, einer Teiltugend der Tempe- (1868), mit Lit., Geyer S. 33 f.; Merkerrantia (Migne 171, 1040 Äff.); Holmberg, S. 17f. — Ovids ars amatoria und die Hof-Moralium dogma philos., 1929, S. 50 f. zucht: Schönbach, Wien. SB. 141, II, 153,
6 LG. II, 2 Reg. S. 346". — Merker, Tisch- 1899.