„Facetus" 327
den wissenschaftlich durchgebildeten Gelehrten Hugo halten, demgegenüberdie Bezeichnungen der Schreiber keine Gewähr geben. 1
I. Das Supplementüm Catonis (Facetus cum nihil utilius) 2 ist dieweiter verbreitete und auch ältere der beiden Spruchsammlungen, in derzweiten Hälfte oder gegen das Ende des 12. Jahrhunderts verfaßt; einigeHandschriften schreiben sie dem berühmten englischen Gelehrten Johannesde Garlandia zu, der aber erst im 13. Jahrhundert lebte. In 192 Strophenpaarweise reimender Hexameter sind Regeln für das praktische Leben undfür das religiöse, für den Dienst Gottes, gegeben; sie sollen dem menschlichenHeil dienen, humanae saluti. Für die deutsche Literatur hat das Supplemen-tüm Catonis größere Tragweite als der Facetus moribus et vita. ZahlreicheÜbersetzungen, in Handschriften und Drucken erhalten, zeugen von seinerVerbreitung als Schulbuch, und es ward neben dem Cato zum gebräuchlich-sten Lehrmittel. Wie beim Cato entstand zuerst eine Teilübersetzung (ale-mannisch, wohl zwischen 1350 und 1400), die dann verschiedenartige Erwei-terungen erfuhr, zu denen auch neue selbständige, darunter niederdeutsche,Übersetzungen des lateinischen Originals gehören. Auch der „Facetus" wurdevon Seb. Brant getütschet (gedruckt 1508 u. ö.). 3
II. Im Unterschied von dem Supplementüm Catonis, das allgemeine Sitten-lehren gibt, wendet sich der Facetus (moribus et vita) 4 an einzelne Ständeund gibt Ermahnungen über artiges Benehmen, gute Bildung, Höfischkeit(courtoisie), also über äußere Formen im Rahmen der höfischen Kultur in255 Distichen. 5 Auf einige allgemein übliche Sentenzen folgen Regeln, wiedie jungen Kleriker sich verhalten sollen, ebenso dann für die Knaben, dieeinen Laienberuf ergreifen, Arzt, Schreiber, Richter, Soldat oder Kaufmannwerden wollen; dann für Körperpflege und Kleidung; die Hälfte etwa desGedichtes nimmt eine unter dem Einfluß Ovids stehende ars amatoria ein,woran sich eine Ausführung über die Freundschaft anschließt; am Ende wer-den Standespflichten für die Richter, Ärzte, Soldaten eingeschärft. Der Ver-fasser ist unbekannt, wie der des Supplementüm (s.den letzten Vers und Gröber
1 Über diese Benennungsfrage s. Zarncke, lex. 1, 600-602. — Zu den Hss. bei Schroeder:Beitr. z. mlat. Sprachposie, Sachs. Ges. d. Priebsch, Dt. Hss. in England II, 45 f.; P.Wiss. 1863 S. 53-8 u. Cbl. 1854, 335; C. Crain, ZfdA. 51, 218-26.
Schroeder, Ausg. S. 3-6. 8 Zarncke, Narrenschiff S. 137-42. 470 ff.;
2 Ausg.: Carl Schroeder, Der deutsche Goedeke, Grundr. I 2 , 389; Suringar, VanFacetus, Pal. 86, 1911 (Teil 1 u. 2 als Berl. Zeden S.XII-XIV.
Diss. 1909), dazu Helm, Anz. 36, 251-5, Eu- 4 facetus ist = curialis, urbanus, hubisch,
ling, ZfdPh. 46,295-9, Habel, DLz. 1913, hövesch, hovelisch, Germ. 30, 284 f.; ZfdA. 64,
423-6, Cbl. 1912,1428; veraltet: Wiggert,2. 303.
Scherflein, 1836, 5-28. — Eine sehr freie Über- 5 Ausg.: Morel-Fatio, Romania 15, 192
Setzung: Lassberg LLS. 1,559-73 (Zarncke, -235, mit einer altkatalanischen Übersetzung
Cato S. 197; C. Schroeder S. 221). — (quivol esser cortes, 2.Hälfted. 14. Jhs. ?).-
Zarncke, Beitr. z. mlat. Spruchpoesie S. 53 Gröbers Grundr. II, 1, 383 f.; Goedeke,
-8; Suringar, Die Bouc van Zeden, 1891, Grundr. I 2 , 388 f.; Kaemmel, Gesch. d. Schul-
S. XXII-XXV; Ders., Van Zeden, 1892; wesens S. 171 f.; Suringar, Die Bouc van
S.X-XXI; Gröber, Grundr. II, 1, 383 f.; Seden S. XXIII-XXV; Ehrismann, ZfdA.
Günther Müller, Walzeis Handb. I 25; 64, 303. — Peiper, ZfdPh. 5,170 (Hs.);
Ehrismann, ZfdA. 64, 303; Bebermeyer, Voigt, Kleinere lat. Denkmäler der Tiersage,
Reallex. 1,341; Mitzka, Stamml. Verfasser- QF. 25,1878, 7 (Hs.). — Siehe oben Phaset.