Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
Seite
326
Einzelbild herunterladen
 

326 Die lehrhafte Dichtung

reimenden) Distichen und Cato rhythmicus in 161 vierzeiligen gleich-gereimten Vagantenstrophen. Hieran schließen sich die beiden unter dem TitelFacetus gehenden Sammlungen (s. unten). Zur lateinischen Catoliteraturgehören auch die Ethica Ludulphi, 1 ebenfalls Lehren des Vaters an denSohn (Verfasser vielleicht Ludulfus, Canonikus von Verden und Lübeck, ur-kundlich 1226-36), die inhaltlich den Disticha Catonis sehr nahe stehen (264zweizeilig reimende Vagantenverse). Berühmt war, schon durch den Namendes Verfassers, der Liber parabulorum des Alanus de Insulis (gest.1203), etwa 330 Distichen in der blühenden, in Bildern und Vergleichen pran-genden Sprache dieses Autors, die am Ende des 15. Jahrhunderts gedrucktund auch ins Deutsche übersetzt wurden. Auf dem Cato und älteren Samm-lungen beruht das Göttinger Florilegium 2 (Hs. vom Jahre 1366, 739 V.,leoninische Distichen und Hexameter-paare) mit schleppender Erweiterungjener Quellen. Im 14. Jahrhundert dichtete Meister Stephan, bekannterdurch sein Schachbuch (s. unten), einen Cato in mittelniederdeutscherSprache. 3

Facetus"

Zwei an Inhalt und Form verschiedene lateinische Spruchsammlungen,beide viel gebraucht, gingen unter dem Namen Facetus; die Handschriftenbeider Gedichte geben in den Über- oder Schlußschriften die BezeichnungFacetus oder Moralis (liber de moribus), auch Facetus de moribus. Beide sindauseinandergehalten als Facetus cum nihil utilius und Facetus moribus et vita(auch Facetus moribus docet), entsprechend dem ersten Verse. Im Mittelalterwar es üblich, literarische Denkmäler, wenn ihnen ihr Verfasser nicht selbst einenTitel beilegte, nach den ersten Textworten zu kennzeichnen. So verfährt Hugov. Trimberg in seinem Registrum multorum auctorum (ed. Huemer, Wien.SB. 116, 1888, 145-90), wo er die zwei ersten Verse desCum nihil utilius"zitiert (V.848), gibt aber als wirklichen Titel diesesMorum libellus" V. 847an:Catonis supplementum" ; dies ganz mit Recht, denn der Verfasser diesesFacetus cum nihil utilius" sagt selbst, er werde das, was in dem morosum dog-ma 4 Catonis weniger ausgeführt sei, ergänzen (supplebo V. 3 f., C. Schroe-der S. 14). DenFacetus moribus et vita quisquis vult esse facetus" macht erebenfalls durch diese Anfangszeile kenntlich und betitelt ihn, eben nach demSchlagwort der ersten Zeile,Facetus" (dieses auch in der Schlußzeile 510).So gibt Hugo den beiden Gedichten sachlich begründete Titulierungen:Ca-tonis supplementum" undFacetus". Die Literaturgeschichte wird sich an

1 Peiper aaO. S. 165-86; daselbst auch ein phans mnd. Cato, ebda 25, 1-33; W. Schlü-Lehrgedicht für Scolares: Laus et honor pueris Ter, Verhandl. d. gel. estnischen Ges. zu Dor-solet euenire (S. 179). pat, 1899,63-8; siehe unten.

2 Hgb. v. Ernst Voigt, Roman. Forsch. 3, 4 Morosus mlat. sittlich, in der Grundbedeu-281-314. 462 ff. tung von mos, morosum dogma = Sitten-

3 Paul Graffunder, Mittelniederd. Cato I, lehre.Nd. Jahrb. 23, 1898, 1-50; Ders., Meister Ste-