Lateinische Sprichwortsammlungen 325
das Gedicht ist also ein Erziehungsbuch zu guter Sitte (zuht) und zu ehren-haftem Handeln (ere), um irdisches Gut und Ehre bei den Menschen, Ge-ehrtsein, zu erlangen (also zwei Güter des Utile). Es werden also haupt-sächlich praktische Lebensregeln für den Verkehr mit den Menschen, für daspersönliche Verhalten in der Gesellschaft (die Hute) gegeben (tägliches Leben,Verwandte, Eltern, Ehe, Freunde); dabei auch einige Maßregeln für die eigeneSittlichkeit (wie Meidung von Lastern, Trägheit, Zorn, Haß, Neid, Habsucht,Trunkenheit): daz din gemüete si von schentlichen dingen vri (427). Mit dieserBegrenzung auf die Sinnenwelt erreicht der Cato bei weitem nicht die HöheFreidanks, der hinausführt über die alltägliche Erfahrung zum All und zu derewigen Weltordnung Gottes. Der Cato ist eine nüchterne Fibel für Schüler,der Freidank erhebt sich zu einem Erbauungsbuch, das den suchenden Men-schen hinauf weist zu den Ideen von Gott und Unsterblichkeit. Der Catobleibt am Utile haften, der Freidank führt zum Summum bonum.
Die älteste Übersetzung des Cato, die nur zwei Drittel des lateinischen Ge-dichtes bot, wurde später auf das ganze lateinische Gedicht erweitert; diesevollständige Übersetzung ist wieder durch zwei Stufen vertreten, eine ältereund eine jüngere Gesamtbearbeitung; dazu kommen eine niederrheinische,eine mittelniederländische, eine ostmitteldeutsche, zwei niederdeutsche 1 undeine hochdeutsch-niederdeutsch gemischte. 2 Endlich aber gibt es nocheine Version mit großen Umordnungen und vielen Einschüben, in der be-sonders drei selbständige Gedichte eingeschaltet sind: von den Männern,von den Frauen- und eine Tischzucht, die auch anderweitig erhalten istund auf des Tanhausers Hofzucht beruht. Eine parodistische Be-arbeitung, 3 wie auf den Winsbeke so auch auf den Cato, entstand amAnfang des 15. Jahrhunderts. Mit Grobheit und Derbheit, doch ohne Witz,wird alle gute Lehre gerade umgedreht und das Urbild eines Grobianus auf-gestellt.
In der künstlerischen Formgebung befolgt der Dichter der ältesten deut-schen Fassung die Regeln der höfischen Zeit, im Versmaß Freiheit der Sen-kungen, Reinheit des Reims.*
Etwa 250 Jahre nach der ältesten mittelhochdeutschen Übersetzung er-schien , dem Geschmack und Stil der Zeit angemessen, eine neue von SebastianBrant im Druck, 1498, die bis 1517 siebenzehn Auflagen fand. 5
Lateinische Sprichwortsammlungen c
Von den lateinischen Disticha Catonis hängen zunächst ab zwei lateinischeÜbertragungen, 7 der Novus Cato in 145 leoninischen (Cäsur und Versende
1 Jellinghaus, Gesch.d.mnd.Lit. 3 ,1925,29. 131-7. 470 ff.; Goedeke, Grundr. I 2 , 388.
2 Lit. s. Mitzka aaO. S. 3; Saul, Stud. zu 6 Fortsetzung zu LG. I, 375 f. u. s. obenMeister Stephans Schachbuch, Progr. Mün- Freidank.
ster 1926 S. 3(K34. 7 Zarncke, Beiträge z. mittelalterl. Spruch-
3 Paul Lehmann, Die Parodie im MA. S. 82. poesie, Kgl. Sachs. Ges. d. Wiss. 1883 u. SA.;
4 Priameln: Uhl S. 299 f.; Euling S. 296 ff. Rud. Peiper, ZfdPh. 5, 170 f.; Priebsch, Dt.6 Zarncke, Seb. Brants Narrenschiff 1854, Hss. in England 11,45.