Freidanks Bescheidenheit 321
vom Cato und vom Winsbeke, wo dem zu erziehenden Sohn in direkter An-rede positive Lehren gegeben werden.
Quellen. 1 Freidank gibt keine eigene Erfindung, er hat alte Sprüche auf-genommen oder alte Spruchweisheit in faßliche und einprägsame Form ge-bracht, viele auch aus dem Lateinischen übersetzt. Der Ursprung der religiösenSprüche liegt in der Bibel und in kirchlichen Schriften; die zur Fabel gehö-renden Stellen stammen aus Äsop, dem Physiologus; die Lebensregeln sindin lateinischen Spruchsammlungen (z. B. Cato) und deutschen Sprichwörternals Gemeingut der Schulbildung und des Volkes verbreitet. Einiges hat er derdeutschen Zeitliteratur (Walther, Hartmann, Thomasin u. a.) entnommen. Eshat aber überhaupt schon vor Freidank deutsche Sprichwörtersammlungengegeben, wie ja eine solche in MSD. Nr. XXVII, 1 erhalten ist, und auch ausdiesen mochte er geschöpft haben. 2 Etwa ein Dutzend Sprüche sind ausdem Winsbeke, einige auch aus der Winsbekin entlehnt. 3 Etwa 80 Zeilender Bescheidenheit stimmen inhaltlich und oft auch wörtlich überein mitStellen der 32 Spruchstrophen, die im Anhang der Heidelberger Freidank-handschrift überliefert sind. 4
Freidanks Spruchsammlung hatte einen großen Einfluß in der deutschenGedankenwelt des 13.14.15. Jahrhunderts. „Freidank" wurde fast zu einemGattungsnamen für Sprichwortweisheit. Im 14. Jahrhundert entstand einlateinisch-deutscher Freidank, 5 eine kraftlose lateinische Übersetzungetwa eines Drittels oder Viertels der Verse mit den deutschen Sprüchen zu-sammen, pro pueris. Sie ist in mehreren (etwa 6) Handschriften vorhandenund wurde, wahrscheinlich schon im 15. Jahrhundert, gedruckt. — Eineniederdeutsche Übersetzung ist aus dem Jahr 1460 6 erhalten, auch in nieder-ländische Spruchsammlungen sind Freidankverse in großer Zahl übergegan-gen. 7 Und bis in die Zeit vor der Renaissancedichtung des 16. Jahrhundertsbehielt die unverwüstliche Kraft dieser Moralsprüche ihre Beliebtheit: Seba-
1 W. Grimm, Ausg. 1 S. LXXXVIII-CXI, (Pfeiffer). Sie rühren wohl von verschiedenenKl. Sehr. 4, 59-92. 104 ff.; Pfeiffer, Freie Verfassern her und dürften Teile aus einemForsch. S. 170 ff.; Bezzenberger S. 5. 37-48. Spielmanns-Liederbuch sein: Sie sind nicht281-469. — S. Gelbhaus, Mhd. Dichtg. in Sprichwörterdichtung, sondern Spruchdich-ihrer Bezieh, zur bibl.-rabbinischen Lit. I. tung.
„Freidanks Besch.", 1889; Carl Loewer, Pa- 5 Hss.: W.Grimm 2 S. XI. XII f.; Bezzen-
tristische Quellenstudien zu Fr.s Besch., Leipz. berger S. 52. — Eschenburg, Denkmäler
Diss. 1901. S. 111-7; W. Grimm, Kl. Sehr. 4, 35-7; Paul,
2 Schönbach, ZfdA. 20, 151 f. Münch. SB. aaO. S. 250-5; Hugo Lemcke,8 W. Grimm, Kl. Sehr. 4, 14 f. 104 ff. 109; Fridangi discrecio, Freidanks Besch. lat. u. dt.
Pfeiffer, Freie Forsch. S. 173 f.; s. ob. Wins- aus d. Stettiner Hs. (1868), dazu Jänicke,
beke. ZfdPh. 4, 106 f.; R.Joachim, Neues Lausitz.
4 Abgedr. MSH. III, 4689-168*; Pfeiffer, Magaz. 50, 1873, 217-334 (Görlitzer Hs.);
Fr. Forsch. S. 204^19; Müllenhoff, Sprach- Schönbach, Mitteil. d. hist. Ver. f. Steier-
proben 4 , 1885, 109-12; Meyer-Benfey 2 mark H. 23, 1875; Bartsch, Katalog d. ad.
S. 32-40. — Lit.: Vogt, MF. 3 S. 301 f. — W. Hss. d. Univ.-Bibl. in Heidelberg, 1886, 75*;
Grimm, Ausg. 1 S. IX, 2. Ausg. S. XI; Pfeif- Leitzmann, Anz. 17, 126 f.
fer aaO. S. 174-81 u. Germ. 2, 146-50; Sche- « Goedeke, Grundr. I 2 , 479.
Rer, Dt. Stud. 1, 30-2. 35-9. 55 f.; Bezzen- 7 W. Grimm, Ausg. 2 S. XII; Bezzenberger
berger S. 44. — In diesen Strophen erinnert S. 52; Xanthippus (Sandvoß), Spreu fünfte
manches in Form und Inhalt an Spervogel Hampfel, 1885, S. 29-31.
zi Deutsche Literaturgeschichte IV