320 Die lehrhafte Dichtung
stellt, ist sie Lebensanschauung oder Ethik. So ist die Gesamtheit der Pflichtendes sittlichen Menschen in den Bereich dieses Lehrgedichtes gezogen, in nochweiterem Ausmaße als in Thomasins Wälschem Gast. Und zwar ist das fürdas Leben und für das Seelenheil Wissenswerte unter dem Gesichtspunkt derLaienmoral beurteilt: swer got und die werlt kan behalten, derst ein scelic man,got nieman des engelten lät, ob er der werlde hulde hat (31,18 ff.) - 1 Im Zusammen-hang mit dieser Vereinigung von Gott und Welt, der Zulassung des Humanunineben dem Divinum, dem mittelalterlichen Humanismus, steht FreidanksHumanität, die ausgesprochen ist in dem Satz: Got hat drier leie kint, dazkristen Juden beiden sint (10, 17). In diesen Bereich des mittelalterlichen, hierspeziell ritterlichen Humanismus gehört auch seine Schätzung der Frau(Kapitel 37), die mit den Anschauungen, die im höfischen Epos von der Minneherrschen, in manchen Punkten übereinstimmen, aber frei sind von dem ver-stiegenen Minnedienst und auf der Wertschätzung der natürlichen Gaben derFrau beruhen. Soziologisch ist der Lehrgehalt der Bescheidenheit in dasmittelalterliche Feudalsystem eingeordnet: Got hat driu leben geschaffen, gebäreritter unde pfäffen (27, 1).
Aus dem allgemein verbindlichen sentenzenhaften Inhalt heraus treten dieAbschnitte Von Rom und Von Akers (Kapitel 45. 46). Es sind Satiren aufbestimmte Zustände der Zeit, aber die Form fällt nicht aus der sonstigenspruchhaften Stilart des Werkes heraus. In der Satire auf Rom erinnert dieStellung Freidanks an die Sprache der Vaganten und an Walther; wie diesergehörte er der kaiserlichen Partei an. 2 Seine Vorwürfe gelten nicht dem Papst-tum und der Person des Papstes, sondern der Kurie, dem römischen Hof,besonders richtet er sich gegen die Habsucht Roms und gegen den Ablaß. Eindüsteres Bild liefert die Spruchreihe über Akers (Accon) und die Zustände inSyrien: Alles ist dort verderbt, untreu sind Christen und Heiden, jeder wirddort betrogen; alles, die Christen, die Wälschen, die Geistlichkeit, feindetdie Deutschen an, und Seuchen raffen die Menschen weg: swer ungernelange lebe, dem rate ich daz er z Akers strebe (156, 4). Eine bittere Enttäu-schung, offenbar hervorgegangen aus der Politik des Papstes, der die Er-folge des gebannten Kaisers zu hindern suchte und abschwächte, sprichtaus diesen Anklagen.
Die Gesamthaltung von Freidanks Bescheidenheit ist strafend-satirisch,der Schwerpunkt liegt auf dem Bösen, die Laster werden eingehend behandelt,die Tugenden höchstens als Folie. Die Welt ist schlecht. Durch diese negativeTendenz der Abschreckung unterscheidet sich Freidanks Sprichwortsammlung
1 Rudolf von Ems faßt im Alexander 3229 ff. Gesch. d. polit. Spruchdichtg. im 13. Jh., Bonnwaz der sinneriche Vrigedanc lerte zusammen: Diss. 1906. — Im mittelalterl. Wissenschafts-tumpheit strafen unde spot, die weit erkennen, System gehörte zur praktischen Philosophieminnen got, des libes und der sele heil, weltlicher (Moral) auch die Philosophia politica, die daserenteil. — Freid. bei Rud. v. Ems: Schröder, ganze Staatswesen und die Staatslenker be-ZfdA.67, 234-9. traf, s. Isidor Etymol. II, 24, 10 f. 16; Hugo
2 W. Grimm, Kl. Sehr. 4,103 f. 117 f., Ausg. 2 v. St. Victor Eruditio didascalica II,20,MigneS. XVIII f.; K. Pinnow, Untersuchungen z. 176 Sp. 159 C ff.