Freidanks Bescheidenheit 319
(13. Jahrhundert) aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts: „Frydanckusvagus fecit rithmos theutonicos gratiosos" ist zwar kein gültiges historischesZeugnis, spricht aber doch dafür, daß er im 15. Jahrhundert im Elsaßals Fahrender galt. Der Eintrag in den Annalen des Klosters Kaisersheim(Kaisheim bei Donauwörth) „1233 Freidankus magister moritur" 1 ist eben-falls unzureichend,denn es kann damit auch ein anderer Freidank als unserergemeint sein. Der in Treviso begrabene Freidank, von dessen Grabstein derNürnberger Arzt Hartmann Schedel in seinen „Antiquitatibus" berichtet(um 1466), ist nicht unser Dichter.
Die Handschriften haben die Sprüche in verschiedener Reihenfolge über-liefert, in einigen herrscht völliges Durcheinander, in andern ist eine Ordnungzu erkennen; 2 W. Grimm beschreibt Ausg. 2 S. XIII ff. neun verschiedeneArten; er selbst folgt den Texten AB, in denen eine Ordnung des Inhalts in53 Kapiteln (etwa 4700 Verse) mit entsprechenden Überschriften eingehaltenist. Freilich ist auch hier kein ganz folgerichtiger Plan eingehalten, auch sind oftzusammengehörende Einzelsprüche zerstreut, aber es läßt sich doch auf Grunddieser Anordnung eine Inhaltsangabe in entwickelnder Übersicht auf-stellen. Es lassen sich etwa folgende Gruppen bilden: A. I. Religion,Gott und Welt: Kapitel 1. 4. 5. 6. 9. 29. 43. 49. 50. 51. 52. 53. II. ReligiöseEthik, Tugenden und Untugenden: Kapitel 7. 8.10. 12. 13. 14. 16.18. 21. 24.25. 26. 28. 34. 35. 40. 41. 44. 47. 48. B. I. Stände und Berufe: Kapitel 15. 23.30. 31. II. Lebensverhältnisse und Lebenstypen: Kapitel 11. 17. 19. 20. 22.27. 32. 33. 36. 37. 39. C. Zeitgeschichte: Kapitel 45. 46. D. UngeordnetesAllerlei: Kapitel 38 (nach Schlagwörtern. 42). — Von den Gedanken an dasEwige ist diese Schatzkammer sprachgeformter Lebensordnung umschlossen,sie beginnt mit dem Anfang aller Weisheit: Swer gote dienet äne wanc, deistaller wisheit anevanc (1,5) und endet mit dem Tode und dem jüngsten Tage.So enthält Freidanks Bescheidenheit eine Erkenntnislehre Gottes und deseigenen Selbst 3 — das Schlußgebet 180, 8 beginnt mit der Bitte: Got herre gipmir daz ich dich erkennen müeze und ouch mich —, also eine mittelalterlicheMetaphysik und Psychologie, und indem sie Grundsätze für das Leben auf-
1 Leidinger, Münch. SB. 1910, 7, 29; Wil- S. 121 Anm. ; Paul, Üb. d. ursprüngl. An-helm, Münch. Mus. 1, 1911,45. 368; Osw. Ordnung v. Freidanks Besen., Leipz. Diss.v. Zingerle, ZfdPh. 52, 94: „1233 magister 1870, dazu Bartsch, Germ. 17, 248 f. JÄ-Fridancus obiit"; Schröder, ZfdA. 67,235 f. NiCKE,ZfdPh.4,103-7; Wilmanns, Üb. Freid.,
2 Die völlig planlose Aneinanderreihung ist ZfdA. 28, 73-110; Paul Schlesinger, E. Bei-wahrscheinlich die ursprüngliche: Paul, trag z. Lösung d. Frage nach d. ursprüngl.Münch. SB. (s. nachher) S. 288, „Freidank hat Anordnung v. Fr.s Besch., Progr. Berlin 1894,offenbar alles in ein Buch zusammengetragen, dazu Seemüller, Anz. 23, 270-2, R. M.vermutlich in der Reihenfolge, wie es ihm ein- Meyer, DLz. 1896, 184 f.; Paul, Üb. d. ur-gefallen ist oder wie er es gefunden hat" (vgl. sprüngl. Anordnung v. Fr.s Besch., Münch.die Entstehung von Egberts v. Lüttich Fe- SB. 1899 H. II, 167-294; Roethe, Reinm.eunda ratis, ed. Ernst Voigt 1889, auch S. 111 Anm. 153.
Bartsch, Germ. 18, 311; Zarncke, Cato 3 Fr. Neumann, Freidanks Lehre von der
S. 121 Anm.: eher wird man ein Chaos in Seele, Festschr. Jellinek 1928 S. 86-96; Ders.,
Ordnung gebracht haben als umgekehrt). — Freidanks Auffassung der Sakramente, Gott.
Anordnung: W. Grimm, Ausg. 2 S. XIII ff.; Nachr. 1930,363-80; Ders., Stamml. Verf. lex.
Bezzenberger S. 53 ff.; Zarncke, Cato 1,660-70.