Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
Seite
318
Einzelbild herunterladen
 

318 Die lehrhafte Dichtung

denheit' ist eine hohe sittliche Aufgabe begriffen; mittelhochdeutsch Be-scheidenheit" ist das intellektuelle Vermögen zu scheiden, zu unterscheiden,hier mit ethischem Ziele: das Gute und das Schlechte zu unterscheiden. 1

Über Person und Leben des Dichters fehlen unmittelbare und sichere Nach-richten von Zeitgenossen und Späteren. 2 Nach der jetzt herrschenden Ansichtwar Freidank ein Fahrender bürgerlichen Standes, alemannischer oder schwä-bischer Herkunft. Den einzig sicheren Anhaltspunkt über sein Leben bietetdas KapitelVon Akers" 154, 18 ff., das sich auf den Kreuzzug Friedrichs II.1228-1229 bezieht. Die hier geschilderten Eindrücke hat er offenbar in eigenerErfahrung gesammelt, war also selbst in Syrien. Danach ist die Abfassungs-zeit der Bescheidenheit bald nach 1230 zu bestimmen. Für einen bürgerlichenFahrenden spricht auch der Name. Die in den Sprüchen aufgespeichertenKenntnisse setzen eine höhere Bildungsstufe voraus. Als Familienname 3 istFreidank seit Anfang des 13. Jahrhunderts belegt, ist dann besonders häufigin Tirol und begegnet noch heutzutage. Als Dichter stand er in seinerZeit und in den folgenden Jahrhunderten in hohem Ansehen. Rudolf v. Ems 4preist meister Fridanc im Willehalm 2206 und im Alexander (der sinnericheFrigedanc) 3235 und zitiert ihn mit einem Spruch (der aber in der Bescheiden-heit nicht vorkommt) als meister Frigedanc, Alexander 20632; Seifrid Helblingführt drei Sprüche an unter der Bezeichnung her Fridanc II, 147, BernhartFridanc VI, 186. VIII, 488. Die Notiz in einem Exkurs der Kolmarer Annalen

1 Friedr. Neumann, Neue Jahrb. aaO. Germ. 23,241; H. Simonsfeld, Abhandl. d.S. 395: es ist die ratio, wie sie Thomasin bayer. Ak. 19, 1890, Abt. 3, 543-638 u. SA.,V.8800deutet: Ratio bescheiden sol waz ste übel dazu Leitzmann, Anz. 17, 125-7; Osw. v.Zin-oder wol 8827, ratio diu kraft kan bescheiden gerle, Freidanks Grabmal in Treviso, 1914,daz übel vomme guot 8841 (Neumann: das dazu Schröder, Anz. 39, 170 f. W.rechte sittliche Urteil, diepraktische Ver- Grimms Annahme, Freidank sei niemand an-nunft"). In dem Tugendsystem der Moralis ders als Walther v. d. Vogelweide, hat eine um-philosophia ist die Kraft, die mala a bonis et fangreiche Gegenliteratur hervorgerufen, be-bona et mala mutuo discernit, die Prudentia, sonders von Seiten Franz Pfeiffers. Sie istWilh. v. Conches, Migne 171, 1011 B (auch verzeichnet von Bezzenberger, Ausg. S. 3 ff.,discrecio). Über die geschichtliche Entwick- und in P. Hillebrandts auf Grund vonlung dieses Begriffes der ratio bis auf Melan- Sprach- u. Reimgebrauch angestellter Wider-chthon s. Dilthey, Weltanschauung u. Ana- legung W. Grimms, ZfdA. 34, 6-18.

lyse des Menschen ed. Misch 1914 S. 194. 3 Ob wirklich der Dichter mit seinem Fa-

2 Lit. üb. Person u. Leben Freidanks: die miliennamen Fridanc geheißen hat, oder ob eroben genannten Schriften W. Grimms und ihn als Spielmannsnamen trug, ist nicht sicherPfeiffers; W. Grimm, Ausg. 1 S. XXXVII zu entscheiden. Wo er Frigedanc genannt-XLII; Bezzenberger S. 3-26, dazu Paul, wird, ist wohl an freie, niemanden schonendeZfdPh. 4, 478 f. Außerdem speziell Name: Meinungsäußerung gedacht. Wenn ihm Sei-W. Grimm, Ausg. 1 S. XLI; Pfeiffer, Fr. frid Helbling den VornamenBernhart" gibtForschg. S. 230 ff.; Schröder, Anz. 39, 170 f. (mit welcher Gewähr?), so hielt erFridanc" Heimat: Schröder, Gott. Nachr. 1918, jedenfalls für den angestammten Familien-384, Münch. SB. 1924,3. Abh. S. 4 (Schwabe); namen. W. Grimm, Kl. Sehr. 2, 508 f. 4,Schirokauer, Beitr. 47 Reg. S. 123 (Schwa- 25-30; Pfeiffer, Germ. 2, 136 ff. u. Freiebe?); Osw. v. Zingerle, ZfdPh. 52, 93-110 Forsch. S. 220-72; Rud. Grupp, Die dt. Di-(mit Lit.; Tirol, Pustertal;) Schröder, ZfdA. daktiker u. die Schulen des XII. u. XIII. Jhs.,67 aaO. Sprache: Zwierzina, ZfdA. 44 Progr. Brandenburg 1888. 1889; Schröder,Reg. S. 348. 45 Reg. S. 344 (Dialekteigentüm- ZfdA. 67, 238 f.

lichkeiten fehlen). Grab in Treviso: 4 W. Grimm, Ausg. 1 S. XXXVIII f., Kl.

Pfeiffer, Freie Forsch. S. 199-202; Bezzen- Sehr. 4, 17 f. 31. 105; Pfeiffer, Freie Forsch.

berger, Ausg. S. 19-25 (mit Lit.); Justus S. 182-5 u. ö.; Leitzmann, ZfdPh. 43, 315 f.Grion, ZfdPh. 2, 172-7. 408-40; Behaghel,