314 Die lehrhafte Dichtung
vierzeiligen Abgesang zwei Langzeilen) und entfernt sich dadurch in der Formvon den andern lehrhaften Dichtungen.
Wie auf den Cato (s. unten), so hat es auch eine Parodie 1 (bayerisch-österreichisch) auf den Winsbecke gegeben, wenigstens auf den I. Teil. Statthöfisch-ritterlichen Anstandes wird hier Frechheit und Ungezogenheit emp-fohlen. — Eingewirkt hat der Winsbecke auf Freidank, der etwa zwölf seinerSprüche daraus entlehnt hat (andere Nachwirkungen s. Leitzmann S. XXV).
Das weibliche Gegenstück zum Winsbecke Teil I, eine Erziehung zumFrauenideal, ist die Winsbeckin 2 (Der muoter lere, Handschrift C am Schlußdes Winsbecken, Haupts Ausg. S .70 und Anfang der Kopenhagener Handschrift,ZfdA. 67, 115). Der Verfasser kannte den Winsbecke Teil I und ahmte ihnnach in der strophischen und dialogischen Form und vielfach im Inhalt(45 Strophen). Strophe 1-11 enthält eine Lehre der zuht (Höfischheit) undTugend; Strophe 12-45 eine Minnelehre. 3 Technisch unterscheiden sich Wins-beke und Windsbekin dadurch, daß dort die Strophen regelrecht durch diejeweilige Anredeformel „Sun" gegeneinander abgeteilt sind, während in demDialog der Winsbekin sich eine fließende Unterhaltung abwickelt. Der ältereDichter ist im Ausdruck etwas gewandter, auch faßt er die Gedanken festerzusammen, während der jüngere sich wiederholt und redselig ausbreitet.
Tirol und Fridebrant
Durch die Ungunst der Überlieferung ist es schwierig, ein unbedingt sicheresUrteil über die Bruchstücke, die den Namen Tirol und Fridebrant 4 tragen, zugewinnen. Erhalten sind Fragmente dreier Gedichte in zwei Handschriften.C, die große Heidelberger Liederhandschrift, enthält unter der ÜberschriftKünik Tirol von Schotten unt Vridebrant sin sun: I 24 Strophen eines Rätsel-gedichts und II, mit eigener Überschrift: Der künig tyrol leret sinen svn,
1 Seemüller, ZfdA. 55, 438-44; Rosen- hervorzuheben: Müllenhoff, Ad. Sprach-feld, Zu Winsbeke, Winsbekin u. Winsbeken- proben, 1871,4. Aufl. 1885, 112 ff.; Ernstparodie, ebda 67, 115 ff. Begriff der Parodie Wilken, Die Überreste ad. Dichtungen vonund parodistische Literatur: Paul Lehmann, Tyr. u. Fridebr., 1873, dazu Braune, Cbl.Die Parodie im MA. 1922. 1873, 974. 1433 f., Wilken, Germ. 19, 59-62;
2 Lit. s. oben unter Winsbeke; Leitzmann, Die ep. Fragmente allein zuerst v. J. Grimm,Ausg. S. XXI f. XXVI f.; Ders., Beitr. 13, ZfdA. 1,7-20, Kl. Sehr. 7,55-67, dazu Bartsch248-57. 272-5. Der Name Diu Winsbekin, wie Germ. 12, 87 f.; Harry Maync (s. nachher);auch Der Winsbeke, nur in C. Meyer-Benfey, Mhd. Übungsstücke 2 S. 140
3 Str. 1-11 bilden gleichsam die Einleitung -4. — Übersetzungen s. Leitzmann S. XVII.zu dem Hauptthema Str. 12-48. Diu wehsei- — Lit.: Leitzmann S. IX-XVII; Mayncrede ein ende habe 12, 1 bedeutet hier nicht S. 108 u. pass. — Abhandl.: Emil Olden-Dialog, denn der wird ja auch in der Folge bürg, Zum Wartburgkrieg, Rostock. Diss.fortgesetzt, sondern rede ist hier Gegenstand 1892, 36-51; Harry Maync, Die ad. Frag-des Gesprächs, die wechselnden (verschiede- mente von König Tirol u. Fridebrant, 1910,nen) Gegenstände, über die wir bis jetzt ge- dazu Baesecke, Anz. 37, 26-34, Wilhelm,sprechen haben, wollen wir nun lassen und zu ZfdPh. 43, 472-4, Helm, Lbl. 1912, 362^1,einem einzigen, bestimmten Thema übergehen. Nickel, Arch. 121, 241 f. — Scherer, Dt.— Minnelehre in Dialog gekleidet auch in Vel- Stud. 1,55; Singer, ZfdA. 35, 180 f.; Jant-dekes Eneide 9788-9990 (Mutter u. Tochter), zen, Streitgedicht S. 87; Petersen, Johannesin Hartmanns Büchlein u. a. Rothe S. 8. — Stellen: Ehrismann, Germ. 34,
4 Ausg.: Leitzmann, Kleinere mhd. Lehr- 492; Leitzmann, ZfdPh. 22, 501; Suolahti,gedichte 1. Heft, s. oben Winsbecke; frühere Neuphilol. Mitteil. 30, 1929, 143 f.Ausgaben: Leitzmann S. IX-XIII, darunter