Der Winsbeke 313
Welt und Gott in Ausgleich bringenden Standesformel rihte hie dtn leben alsodaz dort diu sele wol gevar 3, 6. Dies ist der Inbegriff der Lebensweisheit, dieParzival errungen hat (Parzival 827, 19 ff.), der lehrende Vater wiederholt siemit der gleichwertigen, aus der Bibel stammenden Rittersentenz got und derwerlte wert sein 50, 6, gotes lön, der werlte habedanc 51, 8 (vgl. ZfdA. 56, 175 f.,201 f.). Die Lehren betreffen: kirchliche Gebote Strophe 2-5; den Ritterstand8-27; moralphilosophische Erörterungen 28^16 (dabei die drei Güter guot,werltlich ere, got 29); das tägliche, häusliche Leben (Hauswirt, Haushalt, diehüsire) 47-52; das Verhalten gegen die Obrigkeit (Papst, Kaiser) 53-55;Schlußstrophe 56 faßt die ganze Sittenlehre zusammen in drei Räte: gotesminne, wdrhaft und zühtic. Auch hier denken wir an Wolframs Parzival: derEinsiedleroheim lehrt Gott als die Minne und die Wahrheit, der Ritteroheim,der houbetman der wären zuht lehrt zühtic sein.
Der II. Teil, Strophe 57-80, unterscheidet sich vom I.Teil ganz wesentlichin der Auffassung des Lebens: gegenüber der Erziehung zum edeln Rittertumvon I ist in II die Tendenz ausgesprochen geistlich, von asketischem Ent-sagungsgefühl getragen, das in dem endgültigen Rat gipfelt, Vater und Sohnsollten ein Spital gründen, diesem all ihre Habe stiften und beide sich dahinzurückziehen (Strophe 61 und 80). Hier ist der Sohn der Lehrer des Vaters.Die Rollen sind umgekehrt, und es ist geschmacklos, wenn der Junge dem VaterVorstellungen macht, daß der einst so Behende nun alt und müde gewordenist. Und der Vater ist erfreut über diese fromme Gesinnung des Sohnes, erselbst habe immer dieselben Gedanken zur Buße gehabt. Zum Schluß folgtauf den Entschluß der Buße mit Strophe 65-80 ein für sich bestehender Ab-schnitt, eine von dem Vater gesprochene Sündenklage (ich muoz dir minesünde klagen 76, 3) mit dem üblichen Inhalt und Plan (s. LG. II, 1, 175-7).Ein solcher Lebensgang, vom Rittertum zur Weltentsagung, entspricht jamittelalterlicher Seelenverfassung, und das Gedicht beginnt selbst mit demGegensatz von Gott und der trügerischen Welt (Strophe 1-5), aber daß einund derselbe, zudem ritterliche, Dichter von vornherein und in einem Zugediese sich in solchem Maße widersprechenden Anschauungen vorgetragenhaben sollte, ist psychologisch schwer glaublich. 1 Der Verfasser von I warRitter, der des II. Teiles wohl Geistlicher. Formale Kriterien aus dem Stilreichen bei dem beschränkten Umfang des Beobachtungsmaterials nicht aus.
„Der Winsbecke" ist in Strophen 2 abgefaßt (8 stumpfreimende Verse, im
1 Man könnte sich vielleicht auf das Minne- Trojel S. 3), nicht wie Caritas eine Tugend der
buch des Kaplan Andreas (s. oben) be- Seele. Also widerspricht das III. Buch mit der
rufen, wo das III. Buch, die reprobatio amo- Verwerfung der Minne nicht den beiden ersten,
ris, über die Minne geradezu das Gegenteil sondern der Kaplan hat seinem Auftraggeber
behauptet, was in den beiden ersten Büchern Gualterus die Augen geöffnet über den wahren
so hoch gepriesen wird: dort die Minne origo Wert — oder vielmehr Unwert —• dieser hö-
omnium bonorum, hier in der Widerlegung die- fischen Minnephantastik und wirkt durch den
selbe Minne Urgrund aller Laster. Aber die zur Kontrast der „Reprobatio" mit der amoris
Höfischheit, curialitas, urbanitas, gehörende doctrina von B. I u. II nur um so stärker,
aristokratisch gesellschaftliche Minne ist eine 2 Leitzmann, Ausg. S. XXV f. mit Lit.Leidenschaft des Herzens (amor est passio,