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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Der wälsche Gast des Thomasin von Zercuere 311

Schrift genommen, sondern sein Werk aus ander vrumer Hute Ure zusammen-gefertigt. So zieht er sein Wissen aus der in der Schule vorgetragenen Moral-lehre, die ihrerseits auf die Bibel zurückgeht, und aus klassischen Autoren,Cicero, Seneca, Aristoteles (die mäze = [ascjott]?), Boethius, die zur Morallehregehörten, besonders auch aus der Moralis philosophia des Wilhelm v. Conches;in geringerem Maße benutzt er andere mittellateinische Schriften: den Anti-claudianus des Alanus für den Abschnitt über die sieben freien Künste(8899-9062), auch für den Kampf der Tugenden und Laster (7385 ff.); diePsychologie (8789 ff., 9449-9594) hat er aus des Joannes Sarisberiensis Deseptem septenis gezogen und die Beschreibung der vier Elemente und derPlaneten (2277-2422) aus der Philosophia mundi des Wilhelm v. Conches(Schönbach, Anfänge S.4CM9). Aus all dem ist zu ersehen, daß der Dom-herr Thomasin eine ausgebreitete Gelehrsamkeit besaß und sein WälscherGast auf wissenschaftlichen Studien beruht.

Aber Thomasin war nicht nur Gelehrter, sondern auch ein Mann von Welt;bei seinen Büchern und der Studierlampe kehrte er in sich und seine Gedankenein (er verdenket sich 12305), aber er lebte auch in der Gegenwart und verstandsich nach außen hin zu benehmen (gebären 12307-311). Lebhaftes Interessenimmt er an den Zeitereignissen, wobei er sich in seiner Stellung gegenüberPapsttum und Kaiser als maßvoller Politiker zeigt (Buch VIII, s. oben). 1

Thomasins Wälscher Gast ist eine tüchtige Leistung, um so höher einzu-schätzen, als er seine Gedanken in einer seiner Herkunft fremden Spracheauszudrücken hatte. Aber sein Werk ist keine künstlerische Leistung. Biszu einem gewissen Grade mag einer freien Entfaltung der Ausdrucksweise derihm, dem Ausländer, fremde Sprachgeist hinderlich gewesen sein, wodurchauch die Armut an stilistischen Mitteln, an poetischem Schwung, die geringeReimkunst mit den vielen unreinen Bindungen eine einleuchtende Erklärungfinden. Seine Entschuldigung (V. 33-74) wird man gerne gelten lassen. Jedochliegt der tiefere Grund in seiner Veranlagung: er war mehr Gelehrter undLehrer als Dichter. Den Ausländer merkt man in der Sprache des Gedichteskaum; viele seiner von der mittelhochdeutschen Schriftsprache abweichendenFormen mögen aus einem seiner Heimat benachbarten österreichischen Dia-lekte stammen, in dem er die deutsche Sprache kennen lernte. 2

DerWälsche Gast" hat eine große Wirkung und Nachwirkung, besondersin dem Kapitel der höfischen Anstandslehre, ausgeübt; die große Zahl derHandschriften beweist, daß das Gedicht auch in den folgenden Jahrhundertenviel gelesen wurde. Dazu mag auch der Bilderschmuck der Hs. beigetragen

1 Thomasins politische Stellung: Teske Thomasin vermeiden: Schönbach, Anf. S. 74;S. 190-215. Singer, Wolframs Willen. S. 81; Kluge, Dt.

2 Über Th.s Sprache u. Stil s. bes. Ranke Sprachgesch. S. 284; Suolahti, Mem. de laaaO.; Schönbach, Anfänge S. 74-6. Franz Soc. neo-philol. de Helsingfors 1929 S. 270;Härder, Ubergangsformeln am Schlüsse von Heusler, Verslehre 2, 132 f. Th.s Kunst-Kapiteln oder Büchern in mhd. Schriftwerken, begriff: Vietor, Beitr. 46, 90 f. 107 f. 123 f.;Beitr. 48, 104-8; Baesecke, Festschr. Voret- Etjling, Priamel S. 298. Bes.: Teskezsch 1928, 48 ff. pass. Fremdwörter wollte S. 136-58.