Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
Seite
310
Einzelbild herunterladen
 

310 Die lehrhafte Dichtuno

und Frauen (1170. 1677). Die Kenntnis des Minnewesens hat Thomasin ausder provenzalischen Trubadurlyrik. 1

Mit dem II. Buch wendet sich der Dichter von der Jugend zu den Herren(1707 ff.) und damit zu der eigentlichen Morallehre, von der Sittsamkeit zuder Sittlichkeit. An die Spitze der Tugenden stellt er die stcete und ihr gegen-über als Urlaster die unstcete. In Buch III faßt er die stcete als Grundgesetzder ganzen Natur auf: ein ieglich dinc sin orden hat, daz ist von der natüre rat(2611), die statte ist also die gesetzliche Weltordnung Gottes, die lex aeterna.Aber, fährt er fort, äne alters eine der man der sinen ordn niht halten kan. Dengrößten Teil des III. Buches nimmt die Gefahr der irdischen Güter ein:Reichtum 2677, Herrschaft 3067, Macht 3285, Ruhm 3522, Adel 3855, allerleiLust 3927. Buch IV fährt mit diesem Thema fort und erörtert die entspre-chenden Laster. Im Mittelpunkt der ganzen Tugend- und Wertlehre stehtBuch V, in dem die Grundlage von Thomasins Sittlichkeitslehre formuliertist: es ist die Moralis theologia mit den drei Gütern: oberstez guot ist unserherregot;guotgar, d.h. durchaus gut, sind die Tugenden, als welche er speziellchristliche aufzählt; übel unde guot sind die in Buch III besprochenen sechsDinge. Buch VI ist eine Predigt über die sieben Todsünden. Buch VII gibteine Abhandlung über die Wissenschaft, zuerst über Anthropologie (von dersele und von dem libe) und Psychologie, dann über die sieben freien Künste8893, über Theologie und Naturwissenschaft 9063, Jurisprudenz 9151. Fürdie Kenntnis des geistigen Lebens der Zeit ist diese Darlegung des Systemsder Wissenschaften sehr lehrreich. Nun kommt Thomasin wieder auf die Tu-genden zurück und stellt in Buch VIII neben die statte die mäze, 2 ihreSchwester, als zweiten sittlichen Grundbestand, entsprechend die unmäze alszweites Urlaster neben die unstatte. Die rechte Maße hat ihre Stellung enzwi-schen liitzel unde vil (9938), jede Tugend hält die Mitte zwischen zwei Untugen-den (9993). In V. 11091-830 macht Thomasin eine Abschweifung auf die Zeit-lage : der Papst als Haupt der Christenheit (dabei der Ausfall auf Walther)und eine Kreuzrede zum Kampf um das Heilige Land. Zum Schluß besprichtThomasin in Buch IX und X noch zwei andere, der statte und mäze verwandteTugenden: Buch IX reht und Buch X mute (Freigebigkeit), 3 zwei sozialePflichten.

Die Quellen 4 für Thomasins Ethik sind nur teilweise bekannt. Eine ein-heitliche Vorlage hat er wahrscheinlich nicht gehabt, vielmehr wird er in derZusammenstellung sehr selbständig vorgegangen sein. Im Prolog (V. 103 ff.)spricht er von seiner Arbeitsweise: er habe, was er sagt, nicht aus welscher

1 Schönbach, Anfänge S. 76 f.; Ders., Wien. 4 Die Quellenfrage ist noch nicht im einzelnenSB. 141, II S. 153 u. ebda 145, IX S. 56;- gelöst, viele Nachweise in den Anmerkungenderitz, Liebestheorie der Provenzalen S. 111; von Rückerts Ausg.; ferner W.Grimm, Kl.Wechssler, Kulturproblem S. 32 f. Teske Sehr. 4, 15. 106 f.; Bezzenberger, Ausg. vonS. 58-95.Thomasins Weltanschauung Teske Fridankes Bescheidenheit S. 43 f.; bes.:S. 158-89. Schönbach, Anfänge S.40ff. u. Wien. SB.

2 Teske S. 170-89. 141, II, 153; Vietor aaO. S. 123 f.

3 Teske S. 182-86.