Der wälsche Gast des Thomasin von Zercuere 309
und starb als Kanonikus von Aquileja. Mit Wolfger stand er auf der Seite derpäpstlichen Partei (11091 ff.) und verurteilt Walthers Papstsprüche, durch diederguote kneht seinen sonst berechtigten, mit zuht und sin erwiesenen Dichter-ruhm geschmälert habe 11191-250 (s. Schönbach, Anfänge S. 63-72). DasWerk (min buoch 128. 140. 14681. 14739), 14742 (nicht 14752!) Verse, hat erverfaßt im Jahr 1215 auf 1216, noch nicht dreißig Jahre alt (2445), 28 Jahrenach dem Verlust des Heiligen Grabes durch Saladin (11709 ff., vgl. auch12223-82). Es ist ein Stück adeliger Standespoesie, eine für die höfische Ge-sellschaft und das Rittertum bestimmte Tugendlehre, die sich aber nicht aufausgesprochen höfische Auffassung beschränkt; sein Ideal ist vielmehr derchristliche Ritter, der Kreuzfahrer, und der ethische Horizont erweitert sichzu einer allgemeinen Sittlichkeitslehre.
Thomasin hat den Inhalt nach einem bestimmten Plan ausgeführt, den erauch in einer prosaischen Inhaltsangabe vor dem Gedicht ausführlich regi-striert. Das Werk ist in 10 Bücher geteilt, diese wieder in einzelne Kapitel, 1sechs bis zwölf. Das I. Buch, 2 V. 141-1706, gleichsam die Einleitung zu denfolgenden, bildet eine Abhandlung für sich. Es besteht aus zwei Teilen, derenerster, 141-1162, zunächst (141-772) eine Lehre für die Jugend (Junge Hute147 u. ö., kint 168 u. ö.) enthält über zuht (221. 268. 657 u. ö.) und hüfscheit(182. 372. 657 u. ö.), eine Unterweisung zur hovezuht (302), zu edler Sitte undgesellschaftlichem Benehmen; darin (V. 405-70) eine Anstandslehre für Frauenund (V. 471-526) eine Tischzucht, eine Anweisung, wie man essen soll.V. 773-1022 sind wieder speziell für die Frauen bestimmt. Die letzten Versedes ersten Buches (1023-1162), waz diu kint suln vernemen unde lesen (10267),bringen einen für die Bildungsgeschichte der adeligen Jugend im 13. Jahr-hundert sehr lehrreichen Beitrag: die Abenteuerromane werden als Erziehungs-mittel angepriesen und die Heldinnen Enit, Penelope, Blanscheflör u. a., danndie Helden Gäwein, Clies, Erec, Iwein, Tristant, Parziväl u. a. als Vorbilderaufgestellt; jedoch mit der Einschränkung, die Abenteuer seien gut für dieUngelehrten und die, die tiefen Sinn nicht verstehen können, denn sie seienstark mit zierhaften Lügen verbrämt. 3 Der Kern der Lehre des ersten Teils istzusammengefaßt in den V. 722-724: man sol die mdze wol ersehen an allendingen ff. Das ist die Tugend der Temperantia, wie sie in der Moralis philo-sophia 4 gelehrt wurde, mit der Thomasin hier in vielen Punkten überein-stimmt. — Der zweite Teil des I. Buches (V. 1163-1704) ist ein Auszug auseiner früher von Thomasin in weihscher zunge (1554-ff. 1684 [italienisch oderwahrscheinlicher provenzalisch]) zu Ehren einer Dame geschriebenen Dichtungüber die cortesia (cortezia, s. V. 1173); es ist eine Ritterlehre für Ritter
1 Rückert S. 403-15. Unter Hunt liumi hannes Rothe S. 7 f. 144; Vietor, Beitr. 46,(S. 403. 407. 408. 415) = liumunt liumet ver- 90 f. 107 f.; Brinkmann, Wesen u. Formsteht Thom. Abteilung bzw. Inhalt einer sol- S. 27 f.; Rehm, ZfdPh. 52, 302.
chen. 4 Migne 171, 1034-42; Holmberg S. 41-52;
2 Teske S. 118-36. Teske S. 179-82.
3 Docen, Mise. 2,295-9; Petersen, Jo-