Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
Seite
306
Einzelbild herunterladen
 

306 Die lehrhafte Dichtung

Predigt und Schule Sittlichkeit zu lehren. Zum praktischen Lehrgebrauch inKirche und Schule entstanden lateinische Sprichwörtersammlungen, die dannihrerseits später deutsche nachzogen. Die von den Geistlichen begründeteSittenlehre war in Lehrsysteme gefaßt: die Moraltheologie (LG. II, 2, 23)ruht auf rein kirchlich dogmatischer Grundlage und belehrt den Menschen übersein Verhalten zu Gott als dem höchsten Gut; die Moralphilosophie 1 setztzwar die Theologie voraus,hat aber die weltliche Lebensführung zum Gegenstandund beschäftigt sich nur mit den vier Kardinaltugenden ( = honestum,e/-g) undden irdischen Gütern (das Utile, bona corporis und bona fortunae); sie will diedrei Werte got , ere und guot vereinigen; die Formel des Rittertums dafür ist:swer got und die werlt kan behalten, derst ein scelic man (Freidank 31, 18).

Nach der äußeren Anordnung und Technik der mittelhochdeutschenlehrhaften Dichtungen lassen sich zwei Stilarten scheiden: der lehrhafte Stoffkann vorgetragen werden auf Grund eines Tugendsystems mit eingehenderBehandlung der ethischen Gesichtspunkte, also traktatartig (Elmendorf,Thomasin); oder rein praktisch und unmittelbar belehrend in einzelnen Vor-schriften (Winsbeke, Tirol), was dann noch mehr gekürzt zu Spruchsamm-lungen führt (Freidank, Cato u. a.).

In das Gebiet der didaktischen Literatur gehören schon im 12. Jahrhundertdie beiden Strafpredigten Heinrichs v.Melk, worin die Erinnerung an den Tod,bzw.von dem gemeinen lebene", die verschiedenen Stände hernimmt, währenddasPriesterleben" sich gegen diese einzelne Klasse, die Geistlichkeit, wendet.Laster und Tugenden bilden auch den Inhalt der Büß- und Sittenpredigtensowie der Sündenklagen des 12. Jahrhunderts (LG. II, 1, 175-206).

Um 1170-80 hat der Kaplan Wernher von Elmendorf 2 im Auftrag

1 Das Systam der Moralis philosophia ist am Testamentes: die 10 Gebote, des Neuen

klarsten disponiert in der Moralis philosophia Testaments: die Liebe zu Gott und dem Näch-

des Wilhelm von Conches (Mitte des 12. Jhs.): sten); das natürliche Gesetz, Naturgesetz (in

Quaestio I, das honestum, das sind die vier der Brust des Menschen, im Gewissen); das

platonisch-ciceronianischen Kardinaltugenden menschliche Gesetz (des Staates),

in der Reihenfolge prudentia, justitia, forti- 2 Ausg.: Hoffmann v. Fallersleben, ZfdA.

tudo, temperantia, eine jede mit einer Reihe 4, 1844, 284-317. Steinmeyer, ADB. 6,

von Teiltugenden; Qu. II, Vergleichung der 59; Scherer, QF. 12, 124-7; H. V. Sauer-

Kardinaltugenden; Qu. III, das Utile, bona land, ZfdA. 30, 1-58; Schönbach, ebda 34,

corporis (pulchritudo, robur, magnitudo,valetudo), bona fortunae (opulentia, gloria)Qu. IV Vergleichung der nützlichen Güter

55-75; Wilmanns, Leben Walthers 1 , 1882,69 f.; Ranke, Sprache u. Stil im W. Gast(s. unten Thomasin) S. 75. 124 (Stellen);

Qu. V De pugna utilitatis et honestatis (es Schröder, Gott. Nachr. 1918 S. 163; Ehris-

gibt keinen Gegensatz). Für die einzelnen mann, ZfdA. 56, 144 f. 1 Hs. (bricht vor

Sätze werden Zitate aus römischen Autoren d. Schluß ab); Bruchstücke s. Hofm. v. F.,

gegeben, bes. aus Cicero, Seneca, Ovid, Juve- Ad. Bl. 2, 207-10; Schröder, Gott. Nachr,

nal, Lucan, Terenz. Ausgabe der Moralis 1909 S. 86. Propst Dietrich urkundl.:

philosophia: Migne 171,1007-56; John Holm- Schröder, ZfdA. 47, 293. Heimat: Schrö-

berg, Das moralium dogma philosophorum der, Anz. 17, 78 f.; Schönbach, ebda S. 344;

des Guillaume de Conches, lat., afrz. u. mittel- der Dialekt des Dichters stimmt zu dem des

niederfrk. hgb., Uppsala 1929. Eichsfeldes (Nordthüringisch): Graef, Era-

Die Moraltheologie faßt die sittliche Ordnung clius (LG. II, 2, 117) S. 30 f.; Sauerland

in folgenden Gesetzen: Über allem steht die aaO. S. 5 (überholt); Behaghel, Schrift-

lex aeterna, die göttliche Weltordnung; die spräche u. Mundart 1896 S. 37 f.; Roethe,

dem Menschen speziell gegebenen Gesetze Reimvorreden S. 29 f. 33 f. 36. 64; Schröder,

sind: das positive göttliche Gesetz (des Alten Gott. Nachr. 1909, 86.